Die Diskussion über die Verantwortung der DDR-Intellektuellen, die unfairer- und unzweckmäßigerweise mit Polemiken gegen Christa Wolf begann, erweist sich, je mehr sie zum Grundsätzlichen vordringt, als eine Notwendigkeit. Soll die deutsche Einheit, die in der wirtschaftlichen Sphäre so düster begann, in der intellektuellen besser gelingen, muß die vergangene deutsche Trennung kritisch analysiert werden, damit die Vergangenheitsbewältigung nicht wieder einer nächsten Generation überlassen bleibt. Nicht Harmonie ist das Ziel, sondern Klarheit. Ehrlichkeit ist gefragt, nicht Profilierungssucht oder Selbstschutz. Nur so könnte sich die Diskussion einer Wahrheit nähern, die Schuld und Irrtum erkennbar macht.

Man sollte beim Thema bleiben: dem moralischen und politischen Verhalten von Literaten also, sollte, so unmöglich das scheint, die literarische Qualität möglichst beiseite lassen, als sei die Behauptung, die man bezweifeln darf, zutreffend: Die besten Bücher werden nicht von den besten Menschen gemacht.

Den jungen Kritikern sollte geraten werden, das ihnen zukommende Bestreben, die literarischen Götter von gestern zu stürzen, auf einem gesonderten Feld zu betreiben, damit ihnen nicht der Zorn auf die möglichen früheren Fehlurteile den Blick trübt. Daß ausgerechnet Christa Wolf als böses Beispiel herhalten mußte, entbehrt jeder Gerechtigkeit und jeder Logik und ist nur als Folge ihres großen Erfolgs zu begreifen, der zum Denkmalssturz reizt. Überhaupt ist es immer von Übel, einen Einzelfall zum Modell zu erheben, weil das zu undifferenzierter Pauschalierung führt. Literatur ist Sache von Individuen, und je ausgeprägter die sind, desto weniger lassen sie sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen, am wenigsten auf den eines Staates, dessen kulturellen Einfluß man damit überschätzt.

Der Genauigkeit dienlich wäre es auch, historische Vergleiche, selbst wenn sie sich aufdrängen, beiseite zu lassen, besonders die mit dem moralischen Tiefpunkt deutscher Geschichte, der damit unbeabsichtigt verharmlost wird. So unsinnig es ist, das Streben nach Einheit großdeutsch zu nennen oder von Anschluß zu reden, so schief werden auch alle Vergleiche mit der tatsächlichen und der sogenannten inneren Emigration jener schrecklichen Zeit. Klaus Höpcke ist kein Goebbels gewesen, Bedrohung und Feigheit bei den im Lande Gebliebenen standen in einem anderen Verhältnis zueinander, und unvergleichbar ist auch das jeweilige Elend der Emigration.

Das peinlichste und zugleich komischste historische Gleichnis gestattete sich kürzlich ein Autor in der Ostberliner Akademie der Künste, als er unter dem Beifall eines großen Teils der Akademiemitglieder den Einigungsprozeß unserer Tage mit dem Peloponnesischen Krieg gleichsetzte, das Vordringen des Kapitalismus ins östliche Deutschland zum Sieg der Spartaner machte und (was die Anwesenden, die sich in der gleichen Sitzung gegen die Forderung auf kritische Rückbesinnung und Neukonstituierung der Akademie erfolgreich gewehrt hatten, gern hörten) das Ende des DDR-Kulturlebens mit dem der Kulturblüte Athens verglich.

Nicht nur vierzigjährige Übung in Selbstbeweihräucherung gibt sich hier zu erkennen, sondern auch das Bedürfnis, die eigne Zeit aufzuwerten, das häufig historischem Vergleichen zugrunde liegt. Man bemüht Hitler und Perikles, um die Gegenwart größer, heroischer oder böser zu machen. Dabei wäre es besser, man ließe, um der Genauigkeit willen, die Kirche im Dorf.

Auch der Begriff Revolution ist historisch beladen. Benutzt man ihn für die Ereignisse vom Herbst 1989, liegt der Verdacht der Heroisierung nahe, zumindest aber der der Einseitigkeit. Denn der Aufruhr der Straße (nach Feierabend) war nur Glied einer längeren Ursachenkette, die sich durch Stichworte wie Gorbatschow, Massenausreise, Ungarn und Polen grob andeuten läßt. Vielleicht sogar waren die Aktionen der Menge nicht Ursache, sondern schon Folge. Da das System bereits ökonomisch und politisch bankrott war, ließ es sie zu.