Von Frank Drieschner

Rastatt

Das Haus der Camens im badischen Rastatt ist alt, sein Dach ein wenig undicht. Im Februar dieses Jahres kam ein Fachmann aus Dortmund im Auftrag der Landesregierung. Ehe er den Dachboden betrat, zog er sich einen luftdichten Overall an, dessen Reißverschluß er zusätzlich verklebte, dazu Handschuhe und Füßlinge aus Gummi. Zuletzt setzte er eine Atemschutzmaske auf, die mit dem Rand seiner Kapuze dicht abschloß, verbat sich jede Begleitung und stieg auf den Dachboden, wo er eine Staubprobe in ein Glasgefäß gab. Er verschloß das Gefäß, packte Handschuhe, Füßlinge, Overall und Maske in einen Plastikbeutel, schnürte ihn zu und stopfte ihn in einen zweiten Plastiksack, der später in eine Stahltonne gesteckt und auf eine unterirdische Sondermülldeponie verfrachtet werden sollte. Dann verabschiedete sich der Mann.

Seither, erzählt Frau Camen, betrete sie den Speicher nicht mehr, und ihr Mann nur, "wenn es unbedingt sein muß. Dann hält er die Luft an." Vor einigen Wochen bekam die Familie Post vom Regierungspräsidium in Karlsruhe. Im Staub ihres Dachbodens waren, hochgerechnet auf ein Kilo, 33 800 Nanogramm Dioxin gefunden worden.

34 Millionstel eines Gramms sind unvorstellbar wenig, aber für ein Kind wäre eine solche Dioxindosis möglicherweise tödlich; jedenfalls würde sie ausreichen, das weiß man aus Tierversuchen, mindestens fünfzig Meerschweinchen zu vergiften. 33 800 Nanogramm Dioxin pro Kilo sind fast das Siebentausendfache dessen, was in der Bundesrepublik uneingeschränkt nutzbarer Ackerboden enthalten darf, und 500 000mal soviel, wie ein Erwachsener am Tag nach Ansicht des Bundesgesundheitsamtes höchstens aufnehmen sollte. Gemessen an dem, was in der Nachbarschaft gefunden wurde, sind 33 800 Nanogramm Dioxin in einem Kilo Staub eher wenig.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, ragen hinter einer rissigen Mauer rostige Stahlkamine auf, Rohre, eine Wellblechhalle und einige Gebäude, die irgendwann einmal weiß gewesen sein müssen. Unter den undichten Stellen der Dachrinnen sind die schmuddeligen Wände in grellen Farben angelaufen. Seit Anfang dieses Jahrhunderts hat die Metallhütte Fahlbusch aus Altmetall, später aus Kabelresten, alten Telephonen, zuletzt auch aus Computerschrott Rohmetall zurückgewonnen. Der Rest wurde verbrannt. Vor vier Jahren schloß die Firma; das Dioxin, das jetzt in der Umgebung gefunden wurde, stammt aus Staub vom Gelände, der in einigen Proben mehr als 600 000 Nanogramm je Kilo aufwies. Die Firmengebäude sollen in den kommenden Jahren vorsichtig abgetragen werden. Im Umweltministerium hofft man, daß nur der Putz auf eine Giftmülldeponie muß, nicht auch das Mauerwerk. Gefahr für die Gesundheit der Anwohner, versicherten die Behörden stets, gehe von Fahlbusch nicht aus.

Manfred Steffen, auf dessen Dachboden in einem Kilo Staub 578 000 Nanogramm Dioxin gefunden wurden, tröstet sich mit einer Auskunft des Gesundheitsamts: Als Raucher nehme er sowieso täglich Dioxin auf, habe man ihm gesagt. Roland Herrmann (70 000 Nanogramm je Kilo) hat seinen Hund, einen großen Dobermann, einschläfern lassen, weil das Tier immer mehr Geschwüre bekam und weil er "die Vorstellung nicht ertragen konnte, der läuft da ständig ein und aus und nimmt den Staub mit". Herrmann selbst wäscht beim Betreten seiner Wohnung den Schmutz von seinen Schuhen, aus Sorge um seinen zweijährigen Sohn. Trotzdem hat er Angst, "daß der Kleine schon als Säugling einen Schaden bekommen hat". Seine Frau hatte kurz nach der Geburt eine Muttermilchprobe auf Dioxin untersuchen lassen. Erst mehrere Monate später, als sie ihr Kind schon nicht mehr stillte, habe sie eine Auskunft bekommen: kein Grund zur Sorge. Den Dioxingehalt habe sie trotz mehrerer Anrufe bis heute nicht erfahren, klagt sie – ausgeschlossen, heißt es im Gesundheitsamt.