Die Milliarde Mark, die Mercedes-Benz in der Noch-DDR investieren wird, ist in verschiedener Hinsicht ein Signal.

Erstens zeigt sich, daß große deutsche Industriekonzerne den Osten Deutschlands nicht ganz außer acht lassen können und wollen – auch wenn die Rahmenbedingungen für Investitionen (noch) nicht sehr günstig sind. Die Entscheidung des Daimler-Benz-Chefs Edzard Reuter, das heruntergekommene Ifa-Werk zu Ludwigsfelde in einen der weltgrößten Hersteller von Lastwagen zu verwandeln, ist ein spektakulärer Fall, der seine psychologische Wirkung nicht verfehlen wird. Aber es ist kein Einzelfall. Die Statistiken zeigen, daß bundesdeutsche Unternehmen in jüngster Zeit deutlich weniger geneigt waren, ausländische Firmen zu übernehmen. In den westeuropäischen Nachbarländern hört man bereits Klagen darüber, daß die deutschen Partner Investitionen und gemeinsame Projekte zurückstellen oder gar streichen – „wegen der DDR“. Noch fehlt die Übersicht, fehlen Zahlen über das tatsächliche Engagement der bundesdeutschen Industrie im Osten des Landes. Aber eines zeichnet sich jetzt schon ab: Das Gebiet der DDR wird nicht zur industriellen Einöde verkommen. Im Dienstleistungsbereich fehlt es ohnehin nicht an Investoren; da hat der von den einen gefürchtete und von den anderen herbeigesehnte „Ausverkauf“ der DDR – mitunter zu Schleuderpreisen – längst begonnen.

Zweitens belegt das mutige Investitionsvorhaben von Daimler-Benz, daß nicht durchweg eiskalte Buchhalter die Vorstandsetagen bevölkern. Vor der Wende in der DDR hatte der Stuttgarter Konzern nie etwas verlauten lassen von Absichten, wo auch immer auf der Welt ein riesiges Lastwagenwerk zu errichten. Die Investitionsentscheidung wäre, wenn es sich nicht um die DDR handeln würde, so schnell nicht getroffen worden. Der deutsche Osten hat da einen nicht zu unterschätzenden „Bonus“. Es wäre von Vorteil, wenn auch in manch anderen Unternehmen eine Art patriotische Ader die Risikofreude der Manager etwas beflügeln würde.

Drittens erinnert das Beispiel von Daimler daran, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Eine Milliarde Mark ist zwar ein gewaltiger Betrag. Aber ursprünglich hatte der Mercedes-Benz-Chef Werner Niefer viel ehrgeizigere Pläne entworfen und verkündet. Noch im März nannte er eine Investitionssumme von „einigen Milliarden D-Mark“, um mehrere der 25 maroden Werke des Ifa-Kombinats Nutzwagen zu retten. Nun aber konzentrieren sich alle Anstrengungen auf das eine Werk Ludwigsfelde, wo weit mehr als die Hälfte der 9000 Beschäftigten ihre Stelle verlieren werden. Niefer hatte in der weitverbreiteten Anfangseuphorie den DDR-Markt falsch eingeschätzt und mußte bald zurückstecken. Heute würde allgemein die Entwicklung der Investitionen in der DDR weniger pessimistisch beurteilt werden, wenn nicht zu Beginn so hohe Erwartungen geweckt worden wären.

Viertens handelt es sich bei Daimler-Benz um einen Konzern, der in nicht unbeträchtlichem Maße auf staatliche Aufträge und Rückendeckung durch die Bundesregierung angewiesen ist. Diese relative und wechselseitige Abhängigkeit hat die Daimler-Benz-Führung wohl bedacht, als sie die Milliarde für die DDR bereitstellte. Mit allzu großer Zurückhaltung in Sachen DDR würde Stuttgart einen Teil seines Goodwills in Bonn einbüßen. Was für Daimler gilt, könnte auch für andere Konzerne gelten. Helmut Kohl mag es nicht, daß man ihn im Stich läßt.

Fünftens ist Daimler-Benz auf keinen Fall bereit, die Altlasten des Ludwigsfelder Werkes zu tragen. Zu Recht weigern sich fast alle Unternehmen, mit der Übernahme von Altlasten unkalkulierbare Risiken einzugehen und langfristig die Rentabilität ihrer Investitionen in Frage zu stellen. Hier wird der Staat nicht umhinkönnen, eine klare Regelung zu treffen und sämtliche Altlasten auf sich zu nehmen. Sonst wird er auf Dauer viele Investoren abschrecken.

Sechstens: Die Meldung über das Großengagement von Daimler-Benz ist eine der wenigen good news in einer Flut von schlechten Nachrichten. Und es wird noch lange dauern, bis mehr Positives als Negatives zu berichten ist. Wo uns die Not der Menschen bedrückt und die Not der DDR-Firmen beunruhigt, schenken wir mitunter den Hoffnungszeichen keine Beachtung. Wer hat – ein Beispiel unter anderen – zur Kenntnis genommen, daß die Thyssen Handelsunion bereits zweitausend Arbeitsplätze geschaffen hat? Wer übersieht die Vielzahl von kleineren und größeren deutsch-deutschen Kooperationen, die heute noch wenig bewirken und morgen wichtig sein werden? Die Krise in der DDR wird nicht ewig dauern. Und doch fällt es uns schwer, über sie hinauszudenken. Roger de Weck