Das Hamburger Mädchenhaus beschützt Kinder vor der Gewalt in ihrer Familie

Von Susanne Mayer

Das Haus liegt inmitten von Bäumen, es ist ein düsterer Bau. Er ist schwer zu finden, die Adresse ist geheim. Die Telephonnummer sollen so viele wie möglich kennen: Hamburg 63 20 02 65.

„Ich hatte diese Telephonnummer schon lange vorher von meiner Schulleiterin bekommen“, sagt Denez*. Lange vorher, das ist die lange Zeit, in der sie mißhandelt wurde, fast jeden Tag. Jeden Tag geschlagen. „Das Schlagen“, sagt Denez, „das hat mich fertig gemacht. Das hat mich so fertiggemacht, ich wußte einfach nicht mehr, wo es lang geht.“ Schwer zu sagen, was an jenem Abend im Mai 1986 anders war. Sie war zu ihrem Freund geflohen. Sie hatte geweint, hoffnungslos. Dann wählten sie die Nummer und fuhren anschließend zusammen mit der Bahn zum Mädchenhaus. „Es war der einzige Weg“, sagt Denez, „ich wußte echt nicht, wo sonst hin.“ Sie war damals vierzehn Jahre alt.

Die Zimmer liegen an einem weißgestrichenen Gang. Anstaltstüren. Dahinter ein schlichtes Holzbett. An der Wand ist ein Klapptisch aus Kiefernholz angeschraubt. Ein kleiner bunter Polstersessel. Ein großes Fenster mit Blick ins Laub. Nach dem Aufnahmegespräch mit einer Sozialpädagogin werden die Mädchen, sofern sie sich entschlossen haben, ihre Familien zu verlassen, in ihr Zimmer gebracht. Sie bekommen Handtücher und die Hausordnung.

Denez erinnert sich an die erste Nacht im Mädchenhaus. „Ich habe nicht geschlafen, ich habe nur geheult.“

Das Mädchenhaus Hamburg wurde im Mai 1983 von der Stadt eingerichtet und hat in den vergangenen sieben Jahren etwa 500 Mädchen aufgenommen. Im ersten Jahr waren es 59 Mädchen, im letzten Jahr 125 – immerhin 125 von den vermutlich Tausenden, die allein in Hamburg in jedem Jahr mißhandelt werden. Jedes dritte Mädchen, das sich ins Mädchenhaus flüchtet, wurde sexuell mißbraucht. Etwa die Hälfte der Mädchen sind Ausländerinnen, die meisten Türkinnen – ein bitterer Kommentar zur Situation der 58 000 Türken in der Anderthalb-Millionen-Metropole. Einige Mädchen bleiben nur für eine Nacht, viele bleiben zwei, drei Wochen lang, für Denez wird der Aufenthalt ein Jahr dauern, das ahnt sie noch nicht. Das Mädchenhaus will ein Zufluchtsort in der Krise sein, ein Schutzraum, in dem die Jugendlichen in Ruhe zu sich selber kommen können. Geht es ihnen dadurch unmittelbar besser? „Besser“, sagt Anne Fandre, eine der sechs Betreuerinnen des Mädchenhauses, eine kompakte Frau in schwarzen Leggings und fetzigem T-Shirt, „besser ist eben auch nur relativ.“