Moskau, im September

Wenn Präsident Gorbatschow sich spät am Samstag dieser Woche ins Flugzeug nach Helsinki setzt, wird er froh sein, dem politischen Hexenkessel Moskau für 24 Stunden entrinnen zu können. Wenigstens in der finnischen Hauptstadt wird ein Gorbatschow noch als Chef einer Weltmacht gewürdigt. Daheim aber bröckelt das Ansehen. Einen Tag nur haben sich die beiden Präsidenten für Gespräche im kleinen Kreis ihrer engsten Mitarbeiter gegeben. Sonntag abend schon, nach einer gemeinsamen Pressekonferenz, wird jeder wieder seiner Wege ziehen, der eine, um der Krise am Golf Herr zu werden; der andere wird erneut ins Unglück des am wirtschaftlichen Abgrund dahinschlitternden weiten Reiches eintauchen müssen.

Zwei Präsidenten stehen vor ihrer schwersten Bewährungsprobe, und bei beiden geht es um viel mehr als die Fortune des einzelnen Politikers. Die entscheidende Frage ist, wie weit sie in der Lage sind, einander zu helfen. Die Weltlage hat sich radikal verändert. War es nicht jahrzehntelang außenpolitische Maxime beider Supermächte, daß dem eigenen Land nützt, was der anderen Seite schadet? Die Reputation der Diktaturen mochte noch so mißlich sein, sie wurden als stützenswert befunden, wenn sie ein Pfeil im Fleisch des ideologischen Widerparts sein oder werden konnten. Die Moskauer Zeitungen übertreffen einander in langen Artikeln über die Sünden der früheren sowjetischen Politik gegenüber dem Irak: Die Aufrüstung jenes Staates, die engen Beziehungen, die man gepflegt habe, die militärischen Berater, die jetzt noch dort seien und über deren Zahl die sowjetischen Militärs nicht gern präzise werden. Über aller Verurteilung bleibt meist unerwähnt, daß auch westliche Staaten dazu beigetragen haben, den Herrscher im Irak so furchterregend auszustatten.

Folgt man den Worten von Gorbatschows neuem Pressesprecher Ignatenko, so fällt es schwer, harte Konturen einer entschlossenen Position zu erkennen. Man stehe zu den Entscheidungen des UN-Sicherheitsrates. Man habe eigene Informationen und stehe in informellen Kontakten. Ganz sicher verfügt die Sowjetunion über eigene Kontakte, nicht zuletzt durch den KGB. Aber viel mehr als verbale Solidarität, gemischt mit der Mahnung zur Besonnenheit, wird der Gast aus Moskau nicht beisteuern können. Sein Handlungsspielraum ist begrenzt.

Während in den Städten der Welt der Golfkonflikt die Gemüter der Politiker und auch der Bürger beherrscht, stehen in Moskau und mehr noch im Rest des Landes ganz andere Dinge im Vordergrund. In den großen Städten kommt Wut auf, weil auch ein Zug aus Bulgarien, der Zigaretten heranführen sollte, die Mangellage nicht spürbar verändert hat. Daß Gorbatschow den verantwortlichen Minister entließ – vorbehaltlich der Legalisierung durch den Obersten Sowjet –, ist dem buchstäblich im Regen Schlange stehenden Raucher ein geringer Trost. Aber darüber kann man sich in den Provinzen schon nicht mehr erregen, dort geht es inzwischen ums Brot. Und selbst in Moskau sind seit Tagen eine Reihe von Brotläden wie leergefegt. „Wie können wir eine souveräne Weltmacht sein, wenn wir uns nicht ernähren können“, klagte Anfang der Woche ein Abgeordneter des russischen Parlaments. Die Menschen ermüden. Deshalb begegnen sie der Krise am Golf eher mit Gleichgültigkeit. Es beruhigt sie, daß ihr Land in den Konflikt einmal nicht direkt verwickelt ist, daß die gewachsenen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nicht gefährdet erscheinen, daß sowjetischen Soldaten keine Gefahr droht, Opfer von Kriegshandlungen zu werden. Anders als in den Vereinigten Staaten, wo das Land mit der Erfahrung des Vietnam-Krieges leben lernte, ist in der Sowjetunion die Erinnerung an Afghanistan noch eine offene Wunde. Die öffentliche Diskussion steht erst am Anfang. Hinzu kommt, daß es genug kriegerische Bedrohung im eigenen Land gibt. Im Kaukasus stehen sich Republiken verfeindet gegenüber – mit Scharen von Freischärlern, die bis an die Zähne bewaffnet sind. Immer wieder haben Truppen der Armee oder des Innenministeriums mit harter, aber glückloser Hand in Nationalitätenkonflikte im Kaukasus und Zentralasien eingegriffen, was stets zu Massakern führte.

Wenn Gorbatschow als Repräsentant der östlichen Supermacht zum Gipfel fliegt, besteht ein tiefer Dissens zwischen ihm und vielen Bürgern, wie groß diese Supermacht denn eigentlich sei und was sie in ihrem Innersten zusammenhält. Die baltischen Republiken verfahren so, als ginge sie das alles fast schon nichts mehr an. Und auch in den autonomen Republiken bis hin zum fernen Jakutien regen sich Souveränitätsansprüche unterschiedlichster Ausprägung. Alle fürchten einen Konkurs des Reiches; die Regionen möchten wenigstens etwas aus der Konkursmasse für ihre eigene Zukunft retten. Die Rechnung für die Schulden aber sei eine Sache der zentralen Regierung. Sie allein soll der Erbe Lenins sein, während man daheim das Denkmal vom Sockel stürzt.

Am meisten aber setzt Gorbatschow sein einstiger Weggefährte Jelzin zu. Gorbatschow hatte ihn als Reformer aus Swerdlowsk nach Moskau geholt und ihn zum Chef der korrumpierten, aber mächtigen Parteiorganisation der Hauptstadt gemacht. Gorbatschow war es auch, der Jelzin stürzte, aber der wurde – ungewohnt genug in diesem Land – vom Wähler wieder an die Macht gebracht. Der Unbequeme und Widerborstige stieg auf zum Präsidenten des russischen Parlaments. Seit dem Ende der Sommerpause nutzt er jede Gelegenheit, um Gorbatschow als Zögerer vorzuführen. Erst treffen sie sich zu einem fünfstündigen Gespräch, das Frieden bringen soll, den der Präsident dann auch in einer matten Pressekonferenz verkündet, am Tag danach jedoch wirft Jelzin dem Gefährten von einst bereits Positionslosigkeit vor. Hört man zu Beginn dieser Woche Jelzin bei der Eröffnungssitzung des russischen Parlaments eine sofortige ideologiefreie Wirtschaftsreform fordern, die von der uneingeschränkten Nutzung des Privateigentums ausgeht, so sieht man Gorbatschow auf der Eröffnungssitzung der wiedergegründeten kommunistischen Partei, wo die Konservativen ihren Widerwillen gegen Reformen hinter milden Worten verstecken. Und er sagt kein einziges Wort. Jelzins spottendes Wort aber, wie es giftig eine der nicht offiziellen Zeitungen zitiert, ist böse. Gorbatschow solle doch eine Rolle wie die Königin von England einnehmen. Aber noch böser klingt die Ergänzung eines historisch bewanderten Moskauers, er sei doch schon ein „König Johann ohne Land“.

Der Mann, dessen Politik Europa veränderte, wirkt erschöpft angesichts der Aufgabe im eigenen Land. Vielleicht kann ihm Präsident Bush einen Rat geben, wie man sich einer Regierung entledigt, die im Volk als ein Verein von Bremsern angesehen wird. Es könnte im amerikanischen Interesse liegen. Denn, ungeachtet der gegenwärtigen Schwäche, es ist kein Politiker in Sicht, der die Statur hätte, Gorbatschow zu ersetzen. Und wie die Golfkrise zeigt, braucht dieses Land Politiker mit solchem Format. Dirk Sager