Von Rob Kieffer

Der Feuerwehrkommandant mustert den unangemeldeten Besucher mißtrauisch. „Könnte ja sein, daß Sie ein Terrorist sind und in Ihrer Kameratasche eine Bombe verbergen“, argwöhnt Capitaine Le Guennec. „Ohne Sondergenehmigung der obersten Heeresführung dürften Sie unsere Reben eigentlich gar nicht photographieren.“

Nicht ahnend, daß in der französischen Kapitale auch harmlose Feuerwehrdepots militärische Sperrzonen sind, bin ich auf der Suche nach den Weingärten von Paris wohl auf die einzige appelation Frankreichs gestoßen, die den soldatischen Schutz der Force de frappe genießt. Im Innenhof der Feuerwehrkaserne des 9. Arrondissements, gelegen in der Rue Blanche, ranken sich sechs prachtvolle Rebstöcke, davon fünf mit Pinot-noir- und einer mit Chasselas-Trauben, die Fassade empor. Dieses Rebendekor in ungewohnter Kulisse ist der ganze Stolz von Capitaine Le Guennec und seinen Brandschützern. Dabei stört es sie nicht, daß die Trauben jährlich höchstens vierzig Flaschen Wein abgeben und daß vom Genuß des Saftes abgeraten wird.

Als ich mich entzückt über das von einem seiner Leute selbstgezeichnete Etikett des jüngsten Jahrgangs des „Grand Cru Château Blanche“ zeige, schmilzt die Amtsstrenge des Spritzenmeisters dahin. Ich darf photographieren. Capitaine Le Guennec läßt sogar bereitwillig von seinen Mannen die Löschwagen wegmanövrieren, damit das Rebengeflecht in ein photogenes Blickfeld rückt. Ein wenig Publicity kann nicht schaden, denn schon haben die Feuerwehrleute aus dem 18. Arrondissement diese Kuriosität der Weinbaukunde abgekupfert: Auch sie hegen und pflegen in ihrer Kaserne neuerdings Weingewächs, auch wenn die Rebpflänzchen noch recht zart sind.

In vielen Pariser Stadtvierteln und sogar in den Vororten erleben die Weinstöcke eine Renaissance. Sie werden zu Fassadenkletterern herangezüchtet, schmücken Innenhöfe oder formieren sich, so in Suresnes oder in Argenteuil, zu richtigen Weinbergen. Sie sind nicht nur grüne Tupfer im Betongrau der Millionenmetropole, sondern auch Vorwand zu allerhand feuchtfröhlicher Folklore: Im Oktober wird zur Lese aufgerufen, wird gekeltert und der spärliche Saft in Flaschen abgefüllt, die dann als Weinrarität oft zu Summen versteigert werden, für die man eigentlich schon einen alten Bordeaux erwerben könnte. Mit dem Unterschied, daß der Bordeaux trinkbar ist, während das Verkosten des Pariser Crus allenfalls zur Probe für den Magen wird.

Dabei fußen die vins de Paris auf einer jahrhundertealten Tradition. Schon zu gallorömischen Zeiten gab es im damaligen Parisis riesige Weingärten. Domitian, von 81 bis 96 nach Christus römischer Kaiser, ließ jedoch sämtliche Rebstöcke aus der Erde reißen, weil ihm der beschwipsende Einfluß des Gesöffs auf seine Untertanen ein Dorn im Auge war. Kaiser Probus (276 bis 282 nach Christus) wollte hingegen kein Spielverderber sein, und er führte den Weinbau wieder ein. Später, zu Anfang des Mittelalters, betätigten sich auch die Mönche als emsige Winzer, besonders jene der Abteien von Saint-Germain-des-Pres und Saint-Denis sowie des Ordens von Notre-Dame.

Ein Barde aus dem 12. Jahrhundert pries Paris als „liebliche Stadt voller Bacchus-Präsente“, und auf der Seine transportierten mit Weinfässern beladene Frachtschiffe den beschwingenden Saft bis nach England, Flandern und Holland. Als jedoch erlesene Konkurrenz aus Frankreichs Süden, allen voran die Bordeaux-Weine, sich ausbreitete, schrumpfte die Beliebtheit der Pariser Tropfen. Sie degenerierten zum sauren Underdog-Getränk, fanden allenfalls noch Abnehmer in den guinguettes, den in Zolas Romanen zu zweifelhaftem Ruhm gelangten Säuferkaschemmen. Sibirische Winter und die gefräßige Reblaus versetzten den einst üppig gedeihenden vignes den endgültigen Todesstoß. Um die Jahrhundertwende gab es in Paris nahezu keinen einzigen Weinstock mehr. Nur Straßennamen wie Rue des Vignobles oder Rue de la Goutte d’Or erinnerten noch an die einstige Rebenpracht.