Von Konard Heidkamp

Ein warmer Lufthauch weht durch die Tür herein und zum Fenster wieder hinaus. Duftig, schwebend im Sambaschritt, Bossa-Nova-beschwingt, kubafeurig, jazzgetränkt. Ich höre zu, höre weg, kreise mit dem linken Bein, klopfe mit der rechten Hand auf die Stuhllehne – ein neuer, schmeichelnder Luftzug, das nächste Stück. Wie im Treibhaus vermehren sie sich. Simba Samba, Fantasmas Del Tiempo, Forró Do Campeäo, Tristeza de nös dois, Baiäo – akribisch achte ich auf die richtigen Akzente, die korrekte Schreibweise. Wohlklingende, singende Namen, Zischlaute, und die Betonungen legen sich wie von selbst auf die Silben. Ein Gefühl von leichter Hochstapelei macht sich breit, vermischt mit vorsichtigem Abstand gegenüber allen, denen die Namen so leicht über die Lippen gehen, als wären sie schon seit Jahren bei ihnen zu Hause.

Tito Puente, Eddie Palmieri, Gilberto Gil, Caetano Veloso – vom Salsa-Fieber bis zur zerbrechlichen, lyrischen Melancholie –, die sanyasinerprobten Körper und märquezsensiblen Seelen saugen die neue südamerikanische Welle wie lang entbehrte Muttermilch auf. Man wundert sich, fühlt sich auf die Holzliege gezwungen, von Rio, Bahia und Karibik wie im Sonnenstudio bestrahlt, während nebenan der Besitzer des Bestattungsinstituts schnell seine Schaufensterscheiben wischt, bevor es wieder zu regnen anfängt.

Postkartensehnsucht. David Byrne, Sänger und Kopf der Talking Heads, springt im weißen Anzug quer über die Bühne, imitiert Sambaschritte, lacht, strahlt, schwitzt sich naß vor Begeisterung. Hinter ihm die Crème der südamerikanischen, in New York lebenden Bläser, Trommler und Keybordspieler. Es wirkt ansteckend, die Trompeter lachen und tanzen ebensoviel, wie sie spielen, die Psychosen des nervösen, verspannten David Byrne haben sich in Touristenseligkeit verwandelt. Es ist diese bewußte Naivität, die das Meer grün, den Strand weiß und den Himmel blau erscheinen läßt, während auf der Rückseite steht: "Uns geht es gut, das Essen schmeckt herrlich, das Wasser ist traumhaft, und die Menschen sind unglaublich freundlich. Bis bald! Hoffentlich geht’s euch auch gut!" Man müßte auch mal hinfahren. Nur, nach einer halben Stunde Musik verflüchtigt sich die unbeschwerte Fröhlichkeit und wird von einer un- – bestimmbaren Langeweile überdeckt.

Wunsch nach Neugeburt

Südamerika und besonders Brasilien scheinen zum neuen Mekka für Musiker zu werden. Der düstere Nick Cave nimmt seine neue Platte "The Good Son" in Rio de Janeiro auf und kehrt mit traumseligen Melodien zu düsteren Texten zurück; Ryuichie Sakamoto durchwebt seine Musik mit südamerikanischen Themen, Rhythmen und Musikern und nennt sein Werk "Beauty"; Paul Simon, Peter Gabriel und Manhattan Transfer lagen auch schon in der Sonne, aber vor allem ist der Jazz von einer neuen Fusion-Sehnsucht erfaßt worden.

Lee Könitz, Inbegriff des kopflastigen, linearen Cool Jazz, läßt sein Altsaxophon von brasilianischen Jazzmusikern begleiten, spielt "Easy Dancing" und "Samba Zezita", trägt den Hemdkragen über dem Revers des Sakkos und hofft: "Wäre es nicht großartig, wenn ein junger Mensch, der nichts von mir oder Lennie Tristano wüßte, diese Musik hören und sagen würde: Mein Gott, ist das schön – ohne etwas von dem ganzen Drumherum zu wissen?"