ZDF, Montag, 10. September, 23.10 Uhr: "Die zukünftigen Glückseligkeiten", Fernsehspiel von Fred van der Kooij (Buch und Regie)

Ein faszinierender Film, dem man bis zuletzt mit großer Spannung folgt, und anders als gewohnt. Es ist keine dramatische Handlung, die Spannung erzeugte – es ist das dichte, höchst kunstvolle Netz sinnlicher, assoziativer Herausforderungen, das den Betrachter fesselt. Kein Trommelfeuer. Ein mit wenigen genauen Mitteln wohlgezielter Angriff auf die Zuschau-Passivität. Man muß sich konzentrieren: am Fernseher!

Das Fernsehen nimmt sich immer wieder selbst zurück. Schrifteinblendungen muß man studieren, um auf dem laufenden zu bleiben; die besten Dialoge sind nur zu hören, der Bildschirm bleibt schwarz, und man versteht mehr. Der eigene Überdruß an der üblichen Fernseh-Bebilderung, die keinen Gedanken auf etwaige Prioritäten von Gehörs- und Gesichtssinn verschwendet hat, wird bei diesem Film überdeutlich. Hier wird weggelassen und komprimiert, hier wird mutig mit dem Medium gespielt, hier werden bewußt Übergänge gezeigt, die normalerweise geschnitten werden. Der Wechsel vom 17. Jahrhundert in die Jetztzeit ist ein ruhiger Kameraschwenk zwischen zwei nebeneinanderliegenden Drehorten. Wunderbare Verfremdungen sind dem jungen holländischen Regisseur eingefallen, sie allein schon machen das Zuschauen zum Vergnügen.

Ein Mann flüchtet durch die südlichen Gefilde Englands zur Küste hin, ins Exil nach Frankreich. Man schreibt das Jahr 1640, England wird von religiösen Zwisten und von sozialen Spannungen zerrissen. Es herrscht Bürgerkrieg. Es herrscht Gesetzlosigkeit. Tod und Verwüstung treffen ihre Opfer nach dem Gesetz des Zufalls. Nichts ist mehr kalkulierbar, die Welt ein Chaos, die Menschen sind dem Irrsinn nahe. Der Staats-Philosoph Thomas Hobbes, der da auf der Flucht ist, lernt die Verderbnis des religiösen Fanatismus aus nächster Nähe kennen. Er sieht, wie idealistische Weltverbesserei Elend gebiert, und er entwickelt, flüchtend, in höchster Not und in tiefster Angst vor den ungezügelten Menschenwesen, die ihn umgeben, seine Staatstheorie: Der Mensch habe nur die Wahl zwischen völliger Anarchie oder völliger Unterwerfung unter eine staatliche Ordnung.

Kein Grund, die neue für die bessere, für die auch nur weniger beängstigende Ordnung zu halten. In den satirisch geschärften Szenen zwischen "grauer Vorzeit" und "lichter Gegenwart" scheint immer wieder die größere Offenheit, die geschichtliche Unverbrauchtheit jener Vorzeit durch, der Bewegungsspielraum menschlicher Individualität, den Kooij als Bilderbogen praller Charaktere vorführt: Schmutzig, vom Wahnsinn angenagt, monströs, verfressen, wirken die Bürgerkriegsgestalten allemal lebendiger als das kreuz- und querrechnende Ehepaar vor der hygienisch reinen Anbauküche.

Ein sehenswerter und bedenkenswerter Film, reich an Erfindung auch im Musikalischen. Die englische Bürgersfrau, die auf die Zeiten nach dem Ende hofft, die das Chaos des Umbruchs herbeigesehnt und doch nicht ganz verkraftet hat, spricht, von Irrsinn angeweht, mit sich selbst. Und was dabei zu hören ist an musikalischen Verwehungen zwischen Kinderleier und Fliegensummen, das könnte treffender nicht sein. Martin Ahrends