Von Markus Asam

Die Fischer und Hirten auf den kleinen griechischen Inseln bewegen sich selten. Bei den Hirten ist das klar, denn sie können ihren Ziegen nicht beim Fressen helfen. Deshalb liegen sie im blauen Schatten der Olivenbäume und reden mit den Felsbrocken am Hang.

Sie tun das ohne Stimme, es funktioniert telepathisch, weil man sich schon lange kennt. Die Felsbrocken müssen eine Menge Geschichten auf Lager haben, denn die Hirten brauchen niemand sonst zum Reden.

„Wie steht’s mit den Ziegen dieses Jahr?“ kann einer der vier Fremden fragen, die monatlich vorbeikommen, etwas außer Atem. Der Fremde ist kein Tourist, weil er Anteil nimmt und nicht gleich alles malerisch findet. „Doch. Ja ...“, wird der Hirte antworten und weiter den Felsbrocken zuhören und einen Seitenblick auf die Ziegen werfen. Doch, die stehen noch.

Aber die Fischer sind unfair. Lehnen stundenlang am Baum vor ihrer Beton-Rohbau-Hütte, und nie kann man sich mit ihnen über die Beute freuen. Sie sind nachts rausgefahren in kleinen Kuttern; der Fang ist längst sortiert und ausgenommen und in Küchen verschwunden. Mittags lehnt der Fischer am Stamm, wie ein Hirte. Vor sich einen großen Korb, in den er die Leine zu ordentlichen Schlingen legt.

Die Leine läuft durch seine Finger, sehr glatt, obwohl alle achtzig Zentimeter ein Haken angeknotet ist, die Art Haken, wie sie ein schlechter Cartoonist zeichnet: mit einem lachhaft riesigen Zacken an der Spitze. In den Cartoons bohrt sich der Zacken oft in Waden oder Nasenflügel. Aber die Leine läuft weiter glatt durch die Hände des Fischers, und das sanfte Zucken, mit dem die Hände sich öffnen und den Haken durchlassen, bleibt fast unsichtbar. Es ist spannend, die Finger zu beobachten und den Trick rauszufinden, aber nach einer Weile gibt man’s auf. Es ist zwar immer noch malerisch, aber Fischer sollten bei Tag fischen, damit jeder zuschauen kann, wenn die Kutter einlaufen.

Die Hirten können so bleiben, aber das wäre eine der Sachen, die sich ändern sollten auf den kleinen griechischen Inseln: daß die Fischer in Zukunft tagsüber tun, was man von ihnen erwartet.