Von Hubert Winkels

Jan Bode, der junge Held und Ich-Erzähler, arbeitet als Detektiv in einem großen Hamburger Kaufhaus. Er will seiner Mutter Betty ein Geburtstagsgeschenk kaufen, das übliche: „eine nicht alltägliche Seife und ein dazu passendes Toilettenwasser“. Die Kosmetikabteilung kann er nicht ausstehen, schläfrig und selbstverliebt ignorieren die Verkäuferinnen, diese „meist nur hauchenden Geschöpfe“, die Kunden. In der Lebensmittelabteilung ist das anders, weiß Jan, dort zählen ihm die Frauen mit „einem zuvorkommenden und mit gewinnendem Lächeln sämtliche Wurstsorten“ auf. Dann zählt uns Jan selbst die Namen der Düfte und Seifen auf, bei denen er „auf die Palme“ gehen kann: „Späte Stunde“ und „Kleines Versprechen“, „Nachtfalter“, „Zärtliche Versuchung“, „Halali“, „Kleopatra“ und „Josefine“ heißen die Duftartikel im Roman „Die Klangprobe“ von Siegfried Lenz. Schließlich kauft der schwer Genervte das Toilettenwasser „Frühlingswehen“ und eine Seife, „die irgendein Werbehalunke ‚Schneewittchen‘ getauft hatte“.

Lenz ist unbeholfen in der Diffamierung des modernen Geschmacks. Von Luxus und Mode hält er offenbar so wenig, daß er lieber schlecht erfindet als, wie es Aufgabe eines epischen Erzählers wäre, die Dinge, und seien es Markenartikel, beim Namen zu nennen. Die pelzige Kaufhaussalami jedenfalls ist ihm lieber als das Odeur der Schönen und Gelangweilten. Lachs zwar mag der Held zu besonderen Anlässen, aber Lachsschaum – nein, da möchte er doch schon gern erkennen, was er ißt.

Um Feinheiten der Warenwelt jedenfalls kann sich nicht kümmern, wer in großen Zügen die humanen Qualitäten der Großfamilie und die moralischen der Liebe herausarbeiten will, wer ein wichtiges sittliches und soziales Anliegen hat. Alle Hauptrollen des Romans sind penetrant mit integren und liebenswürdigen Persönlichkeiten besetzt.

Würde man den gutmütigen, moralisch engagierten Erzähler Lenz nicht kennen, man wäre darauf gefaßt, die geschilderte Idylle hätte einen doppelten Boden und könnte jeden Moment in ein Horrorszenario umschlagen. Doch alles ist, wie es scheint, und niemand verkörpert mehr oder anderes als das, was er sagt. Der Leser wird in eine Wachsgalerie der Eindimensionalen und Aufrechten geführt: Jan Bode, der zwar einen dicken Hintern, aber eine so dünne Haut hat, daß er vor lauter Skrupeln ständig das Richtige, nämlich das Anständige tut; Vater Hans Bode, Steinmetz, mürrisch erst, aber von Seite zu Seite menschenfreundlicher; Mutter Betty, Kettenraucherin und etwas unordentlich, aber eine Seele von Mensch und der gute Geist der Familie; Schwester Jette, eigensinnig, aber tierlieb und trostreich; Bruder Ernie, schlaksig und lax, aber wunderbar pfeifend und Klarinette dudelnd wie Mr. Ackerbill; Steinmetzgehilfe Nikolas, ehrlich und treu; Großvater Hinrich, leicht verblödet, aber lieb; Onkel Prügel, erfolgreich als Künstler und ein wenig überheblich, aber schließlich doch ganz der alte Kumpel aus Studentenzeiten. Urig sind sie alle, die Bodes und ihr Kreis, etwas eigensinnig, aber menschlich, bescheiden, aber gerecht.

Und erst die hübsche Lone: blond, mit einem jungenhaften Gesicht; attraktiv, aber keusch und züchtig; bescheiden, aber entschieden; aufopferungsvoll, aber selbstbewußt. Lone erzieht den Jungen ihrer bei einem Verkehrsunfall getöteten Schwester, den kleinen Fritz. Lone ist die Entsagende, eine Mischung aus treudeutschem Lieschen und säkularisierter Märtyrerin, der gute Mensch ohne Mundgeruch und falsche Töne. Nichts charakterisiert das ehrliche Geschöpf besser als ihre Bestellung beim ersten Rendezvous mit Jan im Kaufhaus: Jan möchte sie zu Wildgulasch mit Makkaroni überreden, aber sie besteht auf einem Käsebrötchen und Tee mit Zitrone.

Daß er den verlogenen Charme der fünfziger Jahre verströmt, ist noch das Geringste, was man dem Roman vorwerfen muß. Lenz malt in großen farbigen Schwüngen ein idyllisches Familienpanorama, zu dem ganz unbedingt ein gewisses überschaubares Kontingent an Problemen, Schmerz und Tragik gehört, und plaziert in dessen Mittelpunkt einen handwerklich orientierten Künstler mit deutlich antimodernen Zügen, einen Steinmetz, der sich auf Grabmale spezialisiert hat und in dieser Berufung die ewigen künstlerischen Motivstandards des Schmerzes und der Trauer verteidigt. Das pastos gemalte Familienbild ist aus dem urbanen Lebenszusammenhang herausgelöst und in jeder Hinsicht, auch räumlich, an die Peripherie des modernen Lebens verlegt: in eine alte Schule draußen am Elbufer.