Auf die Idee, daß die Linde am Brunnen vor dem Tore wie eine Aufforderung zum Selbstmord gerauscht haben könnte, ist schon mancher gekommen. Doch ob jemals ein Geselle die Verführung zur Ruhe so verstanden hat? Und nicht anders – vielleicht als Einladung zum Gläschen Wein? In Reno/Nevada mußte sich die Heavy Metal Band Judas Priest gegen den Vorwurf verteidigen, mit unhörbaren, aber angeblich vom Unterbewußtsein registrierten Texten zwei junge Männer in den Selbstmord getrieben zu haben (ZEIT Nr. 33, S. 50).

Nach einem zweieinhalbwöchigen Prozeß mit vierzig Zeugen und Gutachtern kam der Richter zu dem Schluß, daß die Rockmusiker für den Tod der jungen Leute nicht verantwortlich sind. Der Richter selbst will allerdings auch die von den Klägern – den Schadensersatz fordernden Eltern – inkriminierten Laute „do it, do it“ gehört haben; er hält sie jedoch für Produkte der Atempausen des Sängers. Der Richter schließt die Möglichkeit nicht aus, daß das menschliche Gehirn viel mehr zu leisten vermag als zur Zeit bekannt ist – beispielsweise unterschwellig vermittelte Botschaften, selbst auf rückwärts gespielten Tonbändern, „lesen“ könne. Beweise dafür hätten ihm nicht vorgelegen. Daß der Richter nicht anders als auf Freispruch entscheiden konnte, haben selbst die Kläger eingesehen. Sie klammern sich an die Hoffnung, daß weitere wissenschaftliche Forschung eines Tages den Prozeß in Reno als bahnbrechendes Ereignis erscheinen lassen könnte: daß er den Fans die Ohren für die gewalttätigen Abgründe des Heavy Metal Rocks geöffnet habe. Tatsächlich aber hat es der Richter mit seiner Urteilsbegründung vor allem abgelehnt, die Tür zur Kontrolle der Entertainer und der Schallplattenindustrie auch nur einen Spalt zu öffnen. Denn wer will sich schon vorschreiben lassen, was er zu gegebener Stunde mit „do it, do it“ assoziiert? U.S.