Von Rosemarie Noack

Voller Weite die Landschaft, überall ferne Berge, günstig gelegene Flüsse ... üppige Wälder“ – so beschrieb der amerikanische Dichter Wall Whitman das grüne und fruchtbare Virginia, Englands erste und größte Kolonie in der Neuen Welt. Klima und Luft erschienen ihm hier „unendlich köstlich“.

Diese Begeisterung wollte etwas heißen in jenen schlimmen Tagen, als Whitman seine Tagebuchnotizen machte. Denn der Poet aus Nordamerika war nicht mit den frohen Erwartungen eines Vergnügungsreisenden nach Virginia gekommen, sondern hatte während des amerikanischen Bürgerkrieges (1861 bis 1865) als Sanitäter Verwundete gepflegt. So wußte er auch, welch unerhörten Verwüstungen gerade dieser Bundesstaat ausgesetzt war, der auf Seiten des Südens kämpfte, und auf dessen Territorium mehr als die Hälfte aller Schlachten ausgetragen wurde.

Nach dem unmittelbar erlebten Schrecken dieser Jahre konnte sich Whitman nicht vorstellen, daß es jemals eine literarische Bewältigung des großen Brudermordens geben könnte. Trivialere Möglichkeiten einer Auseinandersetzung mit diesem „strange, sad war“, diesem seltsamen, traurigen Krieg, kamen ihm wohl gar nicht erst in den Sinn. Nun ja, „Vom Winde verweht“ war noch nicht geschrieben und das traumatisch nachwirkende Jahrhundertdebakel weder als Musical verwurstet noch den Filmstrategen Hollywoods in die Finger gefallen.

Was aber hätte Whitman wohl zu diesem Einfall der Nachgeborenen gesagt: Seit einigen Jahren werden, die bedeutendsten Gefechte des Sezessionskrieges noch einmal live in Szene gesetzt. Reenactments nennen die Amerikaner diese von kostümierten Laien aufgeführten Kriegsspiele unter freiem Himmel.

Da die ehemaligen Schlachtfelder zumeist in penibel gepflegte Nationalparks umgewandelt wurden, mieten die Organisatoren riesige Areale grasbewachsenen Farmlands für die Inszenierung dieser Spektakel, an denen mitunter bis zu 8003 Akteure teilnehmen. In den zurückliegenden vier Jahren, in denen Amerika der 125. Wiederkehr des Civil War gedachte, reisten zu diesen Supershows oft nicht weniger als 40 000 Zuschauer an.

So viele werden es es auch an diesem Sonnabend wieder sein, an dem wir uns schon zeitig in unserem Kleinbus auf den Weg zum Schauplatz eines berühmten Gefechts machen, zusammen mit unserer amerikanischen Begleiterin Martha. Deren rotes T-Shirt schmücken eingewebte und aufgesetzte goldene Quasten, Litzen und ein Orden – alles waschmaschinenfest, wie sie versichert.