Noch immer sitzen jene, die die Diktatur Pinochets „bis aufs Blut“ bekämpften, im chilenischen Staatsgefängnis

Von Ingrid Eißele

Vier Schritte in der Länge, zwei Schritte in der Breite. Hinten rechts in der Ecke steht ein kleiner Tisch mit einer klapprigen Leuchte, neben der Tür ein Holzregal mit angeschlagenem Geschirr. Auf einem Kleiderbügel an der Wand hängt Hugos guter Anzug, sorgfältig auf Bügelfalten gelegt, für den Tag der Entlassung.

Hugo Marchants Einzelzelle im Staatsgefängnis von Santiago de Chile, einer schmutziggrauen Trutzburg mit meterhohem Eisenportal, hat die Behaglichkeit einer engen Kellerwerkstatt. Durch das vergitterte Oberfenster fällt schwaches Licht. Die Wände und der Boden sind nackt und fleckig. Einziger Schmuck: die bunten Zeichnungen seiner Kinder. Die Bilder der siebenjährigen Javiera, der Jüngsten, und der Söhne Simon und Pablo hat Hugo oben aufgehängt, wo er seine Schlafkoje hat, einen Bretterverschlag aus grobem Holz. Es ist kalt. Im chilenischen Winter sinken die Temperaturen in Santiago manchmal auf wenige Grad über Null. Hugos Herd, der gleichzeitig auch als Wärmequelle diente, ist kaputt.

Pablo, der Zehnjährige, schmiedet in Briefen fast unablässig Ausbruchpläne. „Wir müssen eine geheime Flüssigkeit kaufen“, grübelte er, „die nimmst du, dann bist du unsichtbar und kannst flüchten.“ Nur Simon, der Älteste, macht keine solchen Pläne mehr. Vielleicht, weil der Vierzehnjährige schon so lange wartet auf die Freilassung seines Vaters. Sieben Jahre. Und noch immer ist kein Ende in Sicht.

Hugo Marchant wurde 1983 verhaftet. Ein Militärgericht verurteilte ihn wegen Beteiligung am Attentat auf General Carol Urzüa, den militärischen Befehlshaber Santiagos, in erster Instanz zum Tode. Fast zwei Jahre lang saß Marchant im Todestrakt des Staatsgefängnisses, zusammen mit zwei weiteren Todeskandidaten, bewacht von vier Carabineros. Er bestreitet die Tat nicht. „Ich war der Chauffeur“, erklärt er ohne Umschweife.

Nein, er fühlt kein Mitleid, weder mit dem General noch mit den anderen Militärs, die bei Anschlägen linker Untergrundkommandos getötet wurden. Als er die Photos von Urzüas Beerdigung in den Zeitungen sah, was dachte er? An die Massenproteste kurz zuvor in Chile, „an all diese Leute, die auf den Straßen starben“. Marchant, zu diesem Zeitpunkt Mitglied der militanten Untergrundorganisation MIR (Bewegung der revolutionären Linken), hätte in der ersten Wut am liebsten zurückgeschossen.