Deutsche Juden in Israel über die Wiedervereinigung

Von Gisela Dachs

Israel, im August

In der Präambel des Einigungsvertrages mit der DDR ist die Rede vom „Bewußtsein der Kontinuität deutscher Geschichte“ und „der sich daraus ergebenden besonderen Verantwortung für eine demokratische Entwicklung in Deutschland“. Man mag sich darüber streiten, ob eine Präambel überhaupt notwendig ist, und wenn ja, ob dann diese Formulierung der deutschen Geschichte gerecht wird – in den Augen Heinz Galinskis, des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, reicht sie nicht aus. Klar hätten sich die Deutschen zur Verantwortung für die Folgen des NS-Regimes bekennen sollen, lautete seine Kritik. Doch Bundeskanzler Kohl habe die mehrfach vorgetragene Bitte „nicht einmal einer Antwort wert befunden“, klagte Heinz Galinski und warf der Bundesregierung „eine Mißachtung der jüdischen Gemeinden und aller Opfer des Nationalsozialismus“ vor.

Nicht erst anläßlich des Einigungsvertrages fühlen sich viele Juden vergessen. Seit dem Fall der Mauer – begleitet von so viel neuer deutscher Vaterlandsliebe – fürchten sie, daß die Nazizeit immer mehr aus dem Bewußtsein der Deutschen verdrängt, der in manchen Kreisen schon lange geforderte Schlußstrich unter die dunkle Vergangenheit nun quasi offiziell gezogen werde: In Deutschland sei eine Vergangenheitsmüdigkeit spürbar, „gekoppelt an die verständliche Sehnsucht, eine neue, unbelastete Zukunft gestalten zu können“, schreibt Amnon Neustadt, Dozent am Institut für Staatswissenschaften an der Universität Tel Aviv. Die Beziehungen zwischen dem geeinten Deutschland und Israel würden dadurch in Zukunft gewiß nicht einfacher. Denn im jüdischen Bewußtsein gehöre die „Erinnerung an den Holocaust zu den bedeutendsten Indikatoren der jüdisch-israelischen Auseinandersetzung mit der Deutschlandfrage“.

Gleich nach der Öffnung der Berliner Mauer hatte der israelische Premierminister zunächst mit harten Worten vor einem geeinten Deutschland gewarnt. Jitzchak Schamir bescheinigte dem deutschen Volk, daß auch vierzig Jahre Demokratie noch keine Garantie gegen eine neue Katastrophe, von Deutschland verursacht und ausgeführt, seien. Doch acht Monate später schien auch er sich mit dem Unvermeidbaren abzufinden: „Wir akzeptieren die Einheit Deutschlands. Wir haben viele Gründe anzunehmen, daß das vereinigte Deutschland eine starke Demokratie sein wird und ein Hauptpfeiler der freien Welt.“

Die Haltung Israels zur deutschen Vereinigung sei in Wirklichkeit viel neutraler als in den Medien verbreitet, stellt Moshe Zimmermann fest, der an der Hebräischen Universität von Jerusalem deutsche Geschichte unterrichtet. Eine Umfrage habe ergeben, daß ein Drittel der Bevölkerung der Einigung positiv gegenüberstünde, ein Drittel die Vereinigung vor allem als Sache der Deutschen und Europäer betrachte und nur das letzte Drittel sich deutlich dagegen ausspreche. Zu erklären ist diese „neutrale“ Haltung unter anderem durch den starken Anteil an orientalischen Juden in Israel, deren Familiengeschichte nicht direkt vom Holocaust geprägt wurde. Für viele jüngere Israelis ist Deutschland nicht nur weit weg – Israel hat heute auch andere Feinde. Nur die „Jekkes“, jene Juden aus Israel, die selbst einmal Deutsche waren, bis sie es plötzlich nicht mehr sein durften, hat ein einig Reich ins Exil getrieben, das einige ein halbes Jahrhundert später wieder wachsen sehen.