Von Ulrich Greiner

Irene Disches Erzählung "Der Doktor braucht ein Heim" hat es in sich. Zwar ist das Büchlein von bemerkenswerter Kürze (das Manuskript dürfte kaum länger als 25 Seiten sein), zwar kann man es leicht auf dem Flug von Berlin nach München oder während der U-Bahnfahrt von Volksdorf zum Jungfernstieg lesen, aber wenn man ausgestiegen ist, dann ist man noch lange nicht fertig.

"Fertig wird man nie! Fertig wird man nie!" so schreien es die Berliner Hausfrauen von ihren Balkonen hinab – in Irene Disches grandiosem erstem Buch "Fromme Lügen", einem Erzählungsband, der es vermocht hat, die in Berlin lebende amerikanische Autorin mitten in die Talk-Shows und Bestsellerlisten zu schleudern. Ein solcher Schleuderkurs ist noch wenigen Schriftstellern gut bekommen, und auch deshalb liest man diese Erzählung mit sozusagen schadenfroher Neugierde.

Sie wird nicht befriedigt. Leichthin nimmt man das Bändchen in die Hand, gedankenbeschwert läßt man es sinken. Das liegt nicht nur an der Geschichte. Sie ist zwar traurig, aber wenn man sie so nacherzählte: "Berühmter Wissenschaftler wird auf seine alten Tage gaga", dann hätte man sich im Ton gar nicht so sehr vergriffen. Denn Irene Dische nimmt den alltäglichen Vorgang des Altwerdens und Absterbens auch von seiner komischen Seite. Das Komische aber ist nichts als des Schrecklichen Anfang.

Ein alter Mann vergreist plötzlich. In seinem Kopf verwirren sich die Zeiten, die Menschen und die Orte seines Lebens. "Tag, Nacht. Dunkel, hell. Warm, kalt. Hungrig, satt. Worin besteht der Unterschied? Es gibt ihn, das gebe ich zu. Aber bedeutsam ist er nicht. ‚16 etwas!‘ ruft meine Nachbarin. Ich wußte gar nicht, daß ich eine so hübsche Nachbarin habe."

Die Nachbarin ist die Tochter des alten Mannes. Nur selten noch erkennt er sie. Er hört, wie Leute von ihm sagen, er leide an der "Altersheimer Krankheit". Dazu kann er nur sagen: "Ich gebe zu, ich habe Probleme, seit meine Haushälterin weg ist, aber verstehen Sie mich recht – meine Probleme haben nichts mit dem Alter zu tun." Das Dementi enthüllt eine traurige Wahrheit, die ihm selber verborgen bleibt.

Der Mann ist bei Trost, aber nicht mehr bei Verstand. Er erzählt ein paar Dinge aus seinem Leben. Er erzählt sie nicht uns – und kaum noch sich selber. Sein Monolog hat keinen bestimmten Adressaten mehr. Wir können erraten, daß er ein jüdischer, in New York lebender Emigrant ist, daß Mutter und Schwester im KZ umgekommen sind. Aber das sind Dinge, die ihn weniger beschäftigen als die Frage, wie er die Polizei darüber informiert, daß die Nachbarin ihn bestohlen hat. Das gehört zu den erwähnten Problemen. In der Hauptsache jedoch geht es ihm gut. Er ist einverstanden mit sich selber. Mit der Welt nicht unbedingt. Seinen Körper nennt er "hinterhältig".

Irene Disches Kunstgriff besteht darin, die Außenperspektive nicht zuzulassen. Der Kopf des alten Mannes ist die einzige Welt, die noch existiert für ihn, und dieser Kopf ist der Text. Eine Monade, die nach und nach alle Vorhänge zuzieht. Der Titel ist der einzige Kommentar, den die Erzählerin sich gestattet. Daß der Doktor in ein Altersheim müsse, das sagen die anderen. Ansonsten ist der Text für sich, und wir, die Leser, sind Zeugen einer Selbsterläuterung, die Zeugen nicht will und nicht mehr braucht.

All das ist mehr als nur ein Kunstgriff. Es ist die Liebeserklärung an einen alten Mann, den die Liebe nicht mehr erreicht. Es ist der Abschied von einer Person, die sich schon verabschiedet hat. Das Thema ist der Tod mitten im Leben. Damit kann man nicht umgehen. Nur die Literatur kann es versuchen. Sie kann den Abgrund zwischen Leben und Tod nicht überspringen, aber den Augenblick des Absprungs fixieren. Irene Dische kann es.

  • Irene Dische:

Der Doktor braucht ein Heim

Erzählung; aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1990; 51 S., 16,80 DM