Samstag, kurz nach achtzehn Uhr. Im Programm steht "Alte Musik" bei dem Sender, der sich darauf am besten versteht, dem Deutschlandsender – DS-Kultur. Ich schalte ein, mir schlagen Rockrhythmen um die Ohren. Falsch eingestellt? Ich schalte um, vom UKW- auf den Langwellensender. Dasselbe. DS-Kultur, diese Oase in der alldeutschen Rundfunklandschaft (ZEIT 30/1990), planiert?

So nicht. Die Rockrhythmen sind ein Solidaritätsakt der Ostberliner Kulturfunker für das Jugendradio DT 64. Sie haben ihm ihre Sender geliehen, weil der Rias in West-Berlin über Nacht dem Jugendradio fast alle Sender außerhalb Berlins weggenommen hatte.

Es ist ein medienpolitisches Gangsterstück, wie man es – in Friedenszeiten – noch nicht erlebt hat. Der Intendant des Rias, Eberhard Drück, hatte mit dem gerade erst geschäftsführend ins Amt geratenen Ostberliner Rundfunkintendanten Christoph Singelnstein eine geheime Kooperationsvereinbarung nach dem Muster der bundesdeutschen Atomstrom-Konzerne abgeschlossen. Ergebnis: Am Freitag gegen vierzehn Uhr erfuhren die DT-64-Redakteure von den Technikern, daß zwölf von achtzehn Jugendradio-Frequenzen abgeklemmt werden und ab zwanzig Uhr das Erste Programm des Rias ausstrahlen.

Die Nachricht geht gleich über den Sender. Reaktion der jungen Hörer im ganzen Rest der Ostrepublik: Wut, Empörung – die Wessis haben uns unseren Sender gestohlen. Tausende gehen auf die Straße, sammeln Unterschriften, in Dresden legen sie mit Straßensperren den Verkehr lahm. Und sie versammeln sich vor dem Haus der Ministerien – zwölf treten in Hungerstreik, bis die Zukunft ihres Jugendradios garantiert ist.

Die Vereinbarung mit dem Rias war auch vor dem zuständigen Medienminister Gottfried Müller geheimgehalten worden. Der hebt sie am Samstag unter dem Druck des Jugendprotestes wieder auf und ordnet an, daß ab zwanzig Uhr die Frequenzen an DT 64 zurückzugeben sind.

Aber damit ist es nicht getan. Eine Reporterin des Jugendradios fragt den Minister: "Wird ein ähnlicher Coup wieder passieren, oder können Sie uns eine Garantie geben, daß wir weiter senden können?" Müller gibt eine Garantie: "Wenn dieses unter der Verantwortung dieser Regierung noch einmal geschehen sollte, dann ist das ganz unmöglich, dann kann ich nur zurücktreten. Diese Regierung wird es nicht zulassen, daß noch einmal die Frequenzen abgeschaltet werden."

Wie schön. Der Minister, der kürzlich noch den in Bonn entworfenen obrigkeitsfrommen Entwurf für ein Rundfunküberleitungsgesetz eingebracht hatte, sagt es am 8. September. Am 3. Oktober ist die Regierung weg.