Hans Muthesius – Wie sich eine Nazi-Karriere nach 1945 fortsetzte

Von Ernst Klee

Frankfurt

Am 3. Dezember 1942 verschickt Hans Muthesius, Abteilungsleiter für Wohlfahrt und Jugendfürsorge im Reichsinnenministerium, einen Erlaß. Er geht als Schnellbrief an die Oberpräsidenten und Reichsstatthalter der östlichen Provinzen und Gaue. Die Fürsorgeerziehung, schreibt Muthesius, sei bisher dadurch belastet, daß aus Mangel an besonderen Einrichtungen fremdvölkische, insbesondere polnische Jugendliche der deutschen Fürsorgeerziehung überwiesen wurden." Aber nunmehr habe der Reichsführer-SS, "auch auf meine Anregung hin", das Polen-Jugendverwahrlager Litzmannstadt errichtet.

Im Lager Lodz werden weit über tausend Kinder eingesperrt. Als Anlaß zur Einweisung genügt schon, so eine Dokumentation der polnischen Hauptkommission zur Untersuchung der Nazi-Verbrechen ("Verbrechen an polnischen Kindern 1939-1945"), daß ein Junge ohne Fahrschein in der Straßenbahn angetroffen wird. Die Häftlinge sind zwischen zwei und siebzehn Jahren alt (die meisten im Alter von acht bis zwölf Jahren). Viele haben keine Eltern mehr, weil sie verhaftet, verschleppt, ermordet wurden.

Hunger und Schläge

Im Kinder-KZ tragen die kleinen Gefangenen Häftlingskleider aus grauem Drillich, dazu Holzschuhe. Socken und Strümpfe müssen bis zum völligen Verschleiß benutzt werden, neue gibt es Leine. Alle schlafen in mehrstöckigen Pritschen, auf blanken Brettern. Gegessen wird im Freien, bei Wind und Wetter, auch im Winter.

Der Lagertag beginnt um sechs Uhr morgens, endet zwölf Stunden später. An Sonnabenden wird nicht gearbeitet, sondern zu deutschen Liedern exerziert. Die Kinder-Häftlinge müssen unter anderem Patronentaschen und Koppel für die Wehrmacht fertigen. Wer die Arbeitsnorm übertrifft, erhält einen Zuschlag Suppe oder ein Stück Brot. Wer die Norm nicht erreicht, bekommt Schläge. Die größte Qual der Kinder: der ständige Hunger.

Gefürchtet sind die Strafen. Kleinere "Vergeben" wie das Fehlen eines Knopfes werden mit 15 bis 25 Schlägen geahndet. Kinder, die vor Hunger Brot stehlen, die polnisch sprechen oder deutschfeindliche Äußerungen machen, bekommen noch mehr Schläge oder müssen in Dunkelarrest.

Nicht anders ergeht es denen, die bei der Arbeit einschlafen oder morgens um vier Uhr unpünktlich zum Melken erscheinen. Ein Mädchen, das kurz vor Mitternacht beim Nachtdienst einnickt, bekommt 15 Stockschläge und 24 Stunden lang kein Essen.

Als das Lager 1945 befreit wird, sind die Kinder, die überlebt haben, nicht nur abgemagert und unterernährt, sondern vor allem psychisch ruiniert. Wie viele an Infektionskrankheiten gestorben sind (bei der gerade vierzehnjährigen Ursula Kaczmarek ist als Todesursache "Herzschlag" beurkundet), wie viele erschlagen oder in ein Vernichtungslager "verlegt" wurden, ist nicht bekannt.

Hans Muthesius, der das KZ angeregt und um Einweisung der "fremdvölkischen" Kinder ersucht hatte, macht nach 1945 Karriere: 1948 beginnt er als Beigeordneter beim Deutschen Städtetag. 1950 bekommt er den Titel Professor verliehen, im selben Jahr wird er zum Vorsitzenden des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge in Frankfurt gewählt.

Im Jahr 1953 erhält er den ersten Bundesorden. 1956 erfolgt die Ernennung zum Honorarprofessor an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt (Fürsorgerecht). 1960, Muthesius feiert seinen 75. Geburtstag, erhält er noch einen Orden, die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt und die "Gerechtigkeitsmedaille" der juristischen Fakultät.

Hans Muthesius ist 1977 im Alter von 92 Jahren gestorben. Als langjähriger Vorsitzender und Ehrenvorsitzender des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge hatte er großen Einfluß auf die bundesdeutsche Sozialpolitik: der Deutsche Verein ist der zentrale Zusammenschluß aller öffentlichen und freien Träger sozialer Arbeit. Die Namensliste der Mitglieder des Hauptausschusses liest sich wie der Gotha der bundesdeutschen Wohlfahrtspflege.

Der Deutsche Verein berät Regierung und Verwaltung, stellt mit seinen "Empfehlungen" die Weichen für sozialpolitische Entscheidungen. In der Frankfurter Zentrale, im Hans-Muthesius-Haus, werden unzählige Gutachten und Druckschriften produziert. Der Millionenetat wird vor allem vom Bund und von den Ländern beglichen. Heftige Kritik handelten sich die Vereins-Experten in der Vergangenheit immer wieder ein, wenn sie "Bedarfsmengen" für Sozialhilfeempfänger ("Warenkorb") austüftelten.

Bis heute ist die Geschäftsstelle in Frankfurt nach Muthesius benannt, bis heute ehrt der Deutsche Verein Wohlfahrts-Honoratioren mit der Hans-Muthesius-Plakette. Der Mann sei nur als "Hilfsreferent" in der Fürsorgeabteilung des Reichsinnenministeriums gewesen, heißt es abwiegelnd. Nun, der "Hilfsreferent" hat immerhin das Kinder-KZ in Lodz angeregt. Er hat präzise Weisungen gegeben, welche Polenkinder "zum Schutze der deutschen Jugend" einzusperren sind.

Von Muthesius stammt auch ein Runderlaß von Oktober 1941 "betr. Einweisung in das Jugendschutzlager Moringen". Selbstbewußt kündigt er darin an: "Wegen der Errichtung von Jugendschutzlagern für weibliche Minderjährige behalte ich (!) mir besonderen RdErl. vor." So viel Macht hatte kein "Hilfsreferent".

Name ohne Ehre

Lernen könnte der Deutsche Verein vom Bund Deutscher Hirngeschädigter. Dort stand bis zu diesem Jahr der "Vater der Hirnverletzten", der Bonner Professor Walter Poppelreuter hoch im Kurs. Eine Poppelreuter-Medaille wurde an verdiente Persönlichkeiten wie Heinz Galinski und Hannelore Kohl vergeben, ebenso war eine Klinik nach ihm benannt.

Poppelreuter hatte, so der Bericht des Opfers, den jüdischen Professor Otto Löwenstein, 1933 Leiter der Bonner Kinderanstalt für seelisch Abnorme, durch eine Hundertschaft von SS-Leuten brutal vertreiben lassen und dessen Posten übernommen. Als Poppelreuters Vergangenheit anrüchig wurde, gab Hannelore Kohl die Auszeichnung zurück.

Die Poppelreuter-Medaillen wurden eingezogen, die Klinik ist umbenannt. Das Hans-Muthesius-Haus und die Muthesius-Plaketten gibt es noch.

Vielleicht besinnt sich ja der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge, daß er nicht mit einem Namen ehren kann, der Runderlasse "betr. Einweisung" in die Kinder-KZ Lodz und Moringen verfügte.