Michail Gorbatschow und George Bush wollen nun auch im Nahen Osten zusammenarbeiten

Von Ulrich Schiller

Helsinki, im September

Der Satz fiel en passant. Es war ein erstaunlicher Satz, geradlinig und schlicht und vom Denkansatz her sehr amerikanisch. Barbara Bush hatte den ganzen Tag mit Raissa Gorbatschowa verbracht, beim Essen, in der Bibliothek, im Gespräch. Und dann sagte sie so ganz nebenbei zu den Reportern, die sie begleiteten: Die Sowjetunion müsse doch jetzt "als Teil der freien Welt betrachtet werden". Das war am 9. September 1990 in Helsinki. Die Stadt, die einst von Zbigniew Brzezinski, dem Sicherheitsberater des Präsidenten Carter, verdächtigt wurde, der Inbegriff der "Finnlandisierung" zu sein. War es die Erkenntnis dieses Tages, die der amerikanischen First Lady die Zunge zu einer ebenso kühnen wie glaubensfrohen Definition der Sowjetunion führte? War es Raissas Einfluß? Oder das Ergebnis langer Bettgespräche mit dem Präsidenten, von denen die Welt im Gegensatz zu jenen von Nancy und Ronald Reagan immer noch so gut wie gar nichts weiß?

Die Welt sieht anders aus seit dem vergangenen Sonntag und gewiß nicht nur für Babara Bush. Der Außenminister der Vereinigten Staaten formulierte die neue Lage nicht minder impulsiv, wenngleich natürlich wesentlich politischer, zweckorientierter und auch kurzfristiger: "Wir haben sie an Bord." Gemeint waren die Sowjets. Das war unmittelbar nach der Pressekonferenz der beiden Präsidenten im Saale des "Finlandia"-Konferenzzentrums. Alle hatten sich erhoben, man stand noch ein bißchen herum. "We have them on board", vermerkte James Baker. Da blitzte Freude auf, Freude am erreichten Etappenziel, Freude am Etappensieg.

Gewißheit in der Tasche

Natürlich waren Bush und Baker nach Helsinki nicht wie in ein ungewisses Abenteuer aufgebrochen. Wer im Reiseplan eines so kurzfristig anberaumten Gipfeltreffens am Ende eine einstündige gemeinsame Pressekonferenz vorsieht, der hat mindestens ein paar Gewißheiten in der Tasche. Das gilt für beide Seiten. Nicht umsonst hatten Bush und Gorbatschow seit Ausbruch der Golfkrise in telephonischem Kontakt gestanden, hatten deren Außenminister miteinander kommuniziert und deren Uno-Diplomaten in New York kooperiert. Bush wußte, als er Gorbatschow nach Helsinki bat, daß die Sowjetunion zu allen fünf Resolutionen des Sicherheitsrates stehen würde. Er wußte aber auch, daß Gorbatschow weder zu einem militärischen Engagement der Sowjetunion analog dem amerikanischen noch zu einer Abberufung der sojwetischen Militärberater und Spezialisten aus dem Irak bereit war. Umgekehrt durfte Gorbatschow mit der Gewißheit nach Helsinki gehen, daß der seit Vietnam größte Militäraufmarsch der Vereinigten Staaten in Übersee auch nicht im entferntesten gegen die Sowjetunion gerichtet ist.