Von Peter Schütt

Bei einer Wallfahrt nach Kerbela hat der irakische Diktator Saddam Hussein die Schriftsteller und Künstler aufgefordert, „dem Vaterland und seinem Führer in der Stunde der Bedrängnis mit Wort und Tat, mit Werken und mit Waffen“ beizustehen. Sein Appell wird nicht unerhört bleiben. Seit seiner Machtergreifung vor elf Jahren hat der Potentat zwar zahlreiche Intellektuelle und Kulturproduzenten außer Landes gejagt, andere ins Gefängnis geworfen oder in die Wüste geschickt, aber er hat sich gleichzeitig auch eine wackere und stets zum Jubel bereite Schar ergebener Hofsänger herangezogen. Der Personenkult mittels Poesie und Kunst hat im babylonischen Reich eine jahrtausendealte Tradition. Höfische Panegyrik, das Lob des Herrschers, dem man schmeichelte und als Mäzen gewinnen wollte, war für die Dichter zu allen Zeiten lebenswichtig und fand vielfältige Ausdrucksformen. Die zwischen Bagdad und Basra entstandenen „Märchen der Tausendundeinen Nacht“ sprechen davon Bände.

Sogar die literarischen Muster sind im Irak die gleichen geblieben. In der strengen metrischen Form der Kasside verkündet der Hofdichter Abdul Rasak Abdulwahed „Oh Saddam, Du bist unsere Sonne, Dir folgen wir...“ In weiteren Strophen wird der Diktator als „Geliebter“ und „Gottgesandter“ gepriesen, und zu seinen Vorfahren werden, ganz nach altbabylonischem Brauch, König Nebukadnezar, Harun ar-Raschid und der Prophet Mohammed gezählt.

Der ägyptische Dichter Fuad Mopar hat der Verherrlichung Saddams ein ganzes Buch gewidmet, das überall im arabischen Raum kostenlos vertrieben wird und im Irak, neben dem Koran, zum eisernen Buchbestand selbst der Analphabeten gehört. In den Schulen ist dieses Werk zum offiziellen Geschichtsbuch erklärt worden.

Hochdekorierte Künstler beteiligen sich vor allem im Fernsehen am Führerkult, so der Lyriker Abdul Wahid al-Bajati, der Schauspieler Joussif al-Ani und der Sänger Munir Beschir. Sie alle sind mehrfache Preisträger des „Internationalen Babylon-Festivals“, das unter dem Motto „Babylon feiert seine Siege: von Nebukadnezar bis Saddam Hussein“ zuletzt im Oktober 1988, nach dem Ende des Golfkrieges, stattfand. Saddam war der allgegenwärtige Ehrengast des Siegesfestes und ließ sich selber als Dichter und Wissenschaftler feiern, als Verfasser von Mond- und Sonnengedichten, von astronomischen Studien und philosophischen Betrachtungen. Zum Ruhm des Siegers arrangierten Ingenieure und Bildhauer im Park von Bagdad einen gigantischen Waffenfriedhof mit der erbeuteten Kriegstechnik des Gegners und krönten das Kriegskunstwerk durch einen künstlichen Feldherrnhügel mit Aussichtsplattform, auf dem sich Saddam als Nachfahr Alexanders des Großen zelebrieren ließ.

Unter den Teilnehmern des Siegesfestes waren illustre Gäste aus der halben Welt, hauptsächlich aus jenen Ländern, die den Irak im Golfkrieg mit Waffen zur Seite gestanden hatten. Aus Frankreich war ein komplettes Opernensemble eingeflogen, aus Leningrad kam das Ballett der Kirow-Oper, und die DDR war mit dem bewährten Gesangsduo Peter und Paul vertreten, das auch schon anderen Autokraten wie Ceauşescu und Kim II Sung seine Aufwartung gemacht hatte. Passend zum Ort, dem Ninmakh-Tempel nahe dem berühmten Löwen, der Prozessionsstraße und dem Ischtar-Tor, dessen Original zum Teil im Berliner Pergämon-Museum steht, sangen Peter und Paul bewährte Hits wie „On the Rivers of Babylon“, die auch dem Herren des Landes angenehm im Ohr klangen.

Die DDR-Präsenz auf dem babylonischen Kulturzirkus war kein Zufall. Anfang der siebziger Jahre war der Irak das erste Land außerhalb des Ostblocks, das die DDR diplomatisch anerkannte. Zum Dank wurde das Land an Euphrat und Tigris mit vielfältiger kultureller und literarischer Entwicklungshilfe bedacht. In Bagdad wurde ein Kulturinstitut eröffnet, an der Universität eine germanistische Fakultät geschaffen, und zahlreiche Germanisten und Literaturwissenschaftler aus der DDR, soweit sie „Reisekader“ waren, rechneten sich zur Ehre an, zu Gastvorlesungen nach Bagdad eingeladen zu werden. Die Universitäten von Halle und Bagdad nahmen Patenschaftsbeziehungen auf. Die Schriftstellerverbände der DDR und des Irak tauschten wiederholt Delegationen aus.