Einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung wird der Bundesnachrichtendienst einen neuen Chef bekommen: den sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten Konrad Porzner. Er löst Hans-Georg Wieck ab, einen Berufsdiplomaten, der dem Pullacher Amt seit 1985 vorstand.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik übernimmt damit ein Parlamentarier, noch dazu einer der Opposition, die Führung ihres ältesten Geheimdienstes. Dem BND obliegt die Auslandsaufklärung. Er hat – im Gegensatz zum Bundesamt für Verfassungsschutz, dem Geheimdienst für innere Sicherheit – bis heute keine gesetzliche Grundlage für die Tätigkeit seiner Agenten im Ausland. Schwerpunkte seiner Beobachtung waren die Ostblockstaaten und unter ihnen vornehmlich die DDR. Deren Innenminister Peter-Michael Diestel behauptete dieser Tage, es säßen noch immer BND-Spione in Ost-Berlin (wie umgekehrt DDR-Spione in Bonn). Mit dem Amtsantritt Konrad Porzners entfällt für derlei existenzwahrende Geschäfte auf Gegenseitigkeit die letzte Basis. Der designierte BND-Chef bietet die Gewähr dafür, daß er daraus die Konsequenzen ziehen wird. Porzner ist kein gelernter Geheimdienstler. Aber er ist ein vielfach bewährter Haushalts- und Verwaltungsfachmann, der sich als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium unter Helmut Schmidt die Sporen verdient hat, die er jetzt braucht, um den BND auf Sparflamme zu setzen.

Naturgemäß drängen alle staatlichen Einrichtungen, die ihr Dasein vom Ost-West-Gegensatz herleiten – die Bundeswehr, der Bundesgrenzschutz und der BND –, jetzt auf neue Rechtfertigungen. Doch sie müssen beschnitten werden. Konrad Porzner kann das leisten. Er hat dafür die Rückenstärkung des Bundeskanzlers. Der Personalvorschlag kommt von Helmut Kohl. H.Sch.