Rumänen, Ungarn und Deutsche als Spielball der Großmächte – Zigeuner rücken nach

Von Ernst Weisenfeld

Siebenbürgen, Land des Segens, Land der Fülle und der Kraft...“, so singen die Siebenbürger Deutschen, die man seit mehr als 800 Jahren „Sachsen“ nennt, wenn ihre Gedanken der Heimat gelten. 1843 wurde das Lied von einem gewissen Leopold Max Moltke gedichtet, der aus dem preußischen Küstrin in das alte deutsche Gemeinwesen im Karpatenbogen eingewandert war und überwältigt wurde von Schönheit und Reichtum des Landes – „das an der Brust des Himmels ruht“.

Als das Lied entstand, hatte schon das erste Wetterleuchten des Nationalitätenkampfes die Menschen erschreckt. Ungarn, Deutsche und Rumänen pochten auf Rechte, die ihnen entweder seit Jahrhunderten verbrieft waren oder die von der Französischen Revolution verkündet wurden. Aber noch hoffte man, das Land würde eine Art österreichische Schweiz werden. Es unterstand ja noch unmittelbar der Krone in Wien. Zwanzig Jahre später (1867) wurde es dem ungarischen Teil der Doppelmonarchie einverleibt, ein mittelbares Opfer des Krieges zwischen Preußen und Osterreich. Jetzt wollte das ungarische Staatsvolk seine „Staatssprache“ haben. 1920, nach der Zerschlagung Österreich-Ungarns, fiel Siebenbürgen durch den Friedensschluß von Trianon an Rumänien. Seit mehr als hundert Jahren geht es dort um „Madjarisierung“ oder „Rumänisierung“ und um den Schutz der Minderheiten.

In der wechselvollen Geschichte, in der Siebenbürgen jahrhundertelang unter Ungarn, Türken, Österreichern und Rumänen als Einheit behandelt worden war, brachte der Zweite Weltkrieg eine Zäsur: Das Land im Karpatenbogen wurde geteilt: Nordsiebenbürgen kam unter ungarische Herrschaft, der südliche Teil blieb bei Rumänien. Es war das Ergebnis des Wiener „Schiedsspruchs“ vom 30. August 1940, der ein deutsch-italienisches Machtwort gewesen ist und einen Regimewechsel in Rumänien bewirkte, dessen Folgen bis heute spürbar sind.

Der Schiedsspruch war eine Folge des deutschen Sieges über Frankreich im Mai/Juni 1940. So wie im Westen die 1919 in den Pariser Vorortverträgen geschaffene Ordnung zusammengebrochen war, würde sie nun auch im Osten revidiert werden. Wer nach der deutsch-österreichischen Niederlage von 1918 zu den Gewinnern gehört hatte, wurde jetzt zur Rechenschaft gezogen. Ungarn und Bulgarien verlangten Grenzveränderungen. Im Juli 1940 empfing Hitler die Spitzen der drei Regierungen auf dem Obersalzberg und forderte sie zu Verhandlungen auf, die ergebnislos blieben.

Es war in Siebenbürgen keine Grenze möglich, mit der man die einzelnen Volksteile auch nur einigermaßen sauber trennen konnte. Denn gerade in der am weitesten nach Südosten vorgeschobenen Ausbuchtung der Karpaten siedelten die kompakten Volksgruppen des ungarischen Volksstammes der Szekler und ein großer Teil der Siebenbürger Sachsen; beide waren hier im frühen Mittelalter von ungarischen Königen als eine Art Grenzwache angesiedelt worden. Ihr Siedlungsgebiet, der sogenannte „Königsboden“, war mit fast autonomen Rechten ausgestattet, einiges hatte überlebt.