Dem Unkundigen mag so etwas sinnlos vorkommen – daß man eine mäßige Theateraufführung um den halben Erdball transportiert. Warum also, um Gottes, Goethes, Himmels willen, mußte Dieter Doms "Faust"-Inszenierung unbedingt in Japan gastieren? Wer so fragt, ahnt nicht, daß Theatertourneen nur zum Schein aus künstlerischen Gründen stattfinden. Viel wichtiger sind die menschlichen, die sozusagen zwischenmenschlichen Aspekte einer solchen Unternehmung. Dies alles wissen wir, weil wir täglich die Süddeutsche Zeitung lesen. Dortselbst breitet Japan-Korrespondent Gebhard Hielscher all die beglückenden Randereignisse des Japan-Gastspiels aus, die wohl die Hauptereignisse gewesen sind. Nichts wüßten wir Daheimgebliebenen ohne Hielscher von der "vorgezogenen Abschiedsparty in einem Kellerlokal gleich unter dem Nissay-Theater", nichts von der dort herrschenden "aufgeräumten Stimmung". Nichts von Gebhard Hielschers sehr persönlicher, nahezu faustischer Bezauberung durch "Sunnyi Melles, das schlanke blonde Gretchen". Als nämlich dies schlanke blonde Gretchen "eine recht ausführliche Ansprache auf japanisch verliest, staunen die Kollegen und jubeln die Japaner. Sie habe die ungewohnten Laute ‚ziemlich lange‘ geübt, gesteht Melles, während sie mit Eßstäbchen nach einem in Reis und Seetang eingewickelten Stück Rohfisch angelt. Aber ihr schönstes Erlebnis hatte die Melles bei einem Besuch im Tokioter Disneyland. Da seien auf einmal die sieben Zwerge auf sie zugegangen, hätten sie umringt und mit ihr als Schneewittchen getanzt."

Wir müssen verweilen, es ist zu schön! Doch schon jagt uns Gebhard Hielscher ins nächste Abenteuer, gipfelwärts: "Hoch hinaus wollte Chefdramaturg Ruckhäberle. Zusammen mit seiner Familie bestieg er an einem freien Tag Japans berühmtesten Berg, den Fuji. Er hat’s dann aber doch nur bis zur vorletzten Station geschafft, weil die kleine Tochter nicht mehr weiterklettern wollte." Noch atemlos (und ganz verliebt in Ruckhäberles Töchterlein) treffen wir Cornelia Froboess, Frau Marthe Schwerdtlein, und auch die hat in Japan was Tolles erlebt. Sie "war begeistert, daß man auch als Frau nachts völlig unbesorgt in Tokio herumlaufen kann. ‚Das ist eine Stadt für Frauen.‘"

So Froboess, so Hielscher. Und dann beginnt die japanische Walpurgisnacht: Gretchen verschluckt sich am Rohfisch, Faust fährt zur Hölle, der Chefdramaturg verglüht in der Lava. Und Gebhard Hielscher träumt, er sei Goethe.

Mit diesem keck ins Phantastische ausgreifenden Blatt beenden wir Tex Rubinowitz’ "Sommer-Hühner". Ein neuer Zyklus des jungen Künstlers (Bild rechts) unter dem Titel "Winter-Enten" ist bereits im Entstehen. Wer sich bis dahin jedoch nicht zu gedulden vermag, sei auf Tex Rubinowitz’ großes Album "Die Invasion der grünen Fussel" verwiesen, das er zusammen mit Kim Novak gestaltet hat und das, im Falter Verlag (Wien) erschienen, für sechs Mark in jeder wirklich guten Buchhandlung zu haben ist.