Bettelheim, so berichtet Pekow, habe Schwarze diskriminiert (indem er sie nicht in die Schule aufnahm), Eltern terrorisiert und Mitarbeiter ausgebeutet. Er sei auf ganzer Linie gescheitert: "Dieser Mann, der in Konzentrationslagern erlebte, wie Menschen systematisch zerstört wurden, hat zwar behauptet, in seiner Sorge für gestörte Kinder diesen Prozeß der Zerstörung in einen Prozeß der Heilung umkehren zu wollen. In Wirklichkeit hat er aber das Gegenteil bewirkt."

Während seines letzten Lebensjahres habe ich Bruno Bettelheim in Los Angeles kennengelernt. Nach einem Schlaganfall hatte er Mühe zu gehen. Sehr aufrecht saß er in einem Lehnstuhl, der Mittelpunkt der Gesellschaft, ein großer alter Mann, der nun so zerbrechlich zu sein schien. In dieser Zeit, erzählte mir sein Freund Rudolf Ekstein, hätten sie oft und gern über die gemeinsame Heimat Wien gesprochen, über den alten Kaiser und wie anders wohl die Weltgeschichte verlaufen wäre, wenn Franz Joseph zu ihnen in die Therapie gekommen wäre.

Bettelheim, 1903 geboren, stammte aus den besseren Kreisen der k.u.k. Gesellschaft. Verwöhnt von einer jungen Amme, gefordert von seiner intellektuellen Mutter, erlebte er noch den morbiden Glanz der alten Kaiserstadt. Um den Fesselh seiner "viktorianischen Erziehung" zu entrinnen, schloß er sich im Frühjahr 1917 der pazifistischsozialistischen Jugendbewegung an und hörte bei seinen radikalen Freunden zum ersten Mal etwas über Sigmund Freud und die Psychoanalyse. Doch erst im Alter von 26 Jahren, als er nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte noch immer nicht wußte, was er mit seinem Leben anfangen sollte, als er deprimiert und unzufrieden und von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt war, entschloß sich Bettelheim, es selbst mit einer Analyse zu versuchen. In den dreißiger Jahren arbeitete er dann in Wien mit autistischen Patienten; er betreute damals auch ein Kind aus einer angesehenen amerikanischen Familie in seinem Hause.

Im Frühjahr 1938, unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen, wurde er verhaftet und nach Dachau transportiert. Schwer mißhandelt verbrachte er die ersten Tage im Krankenrevier des Konzentrationslagers. Eine Schonfrist, die er nutzen konnte, um "einige Mechanismen des psychischen Schutzsystems wiederherzustellen"; die Kraft zu finden, einer Situation, in der er rechtlos, hilflos und entwürdigt unberechenbarer Gewalt ausgeliefert war, eingefangen in einem System, das auf die Destruktion der Persönlichkeit bis zu ihrer physischen Vernichtung zielte, den Willen zum Überleben entgegenzusetzen. Er begann, sich selbst und seine Mitgefangenen zu beobachten, mit ihnen über ihre Erfahrungen zu reden, sich Verhaltensmuster einzuprägen. Daß er nach einer Verlegung ins Konzentrationslager Buchenwald nach einem Jahr freigelassen wurde, hatte er unter anderem der persönlichen Fürsprache von Eleanor Roosevelt zu verdanken, die sich auf Bitten der amerikanischen Familie, deren Kind er behandelt hatte, für ihn einsetzte.

1939 kam Bettelheim in die Vereinigten Staaten. Als er sich, nach seiner Studie über "Individuelles und Massenverhalten in Extremsituationen", wieder dem Studium und der Therapie gestörter Kinder zuwandte, stellte er fest, daß seinem Wunsch, "desintegrierten Personen zu neuerlicher Integration zu verhelfen", eine sehr spezielle Erfahrung zugrunde lag. Es waren die eigenen erlittenen und begriffenen Erfahrungen in deutschen Konzentrationslagern, die ihn Parallelen in den Bedingungen entdecken ließen, die psychotische Reaktionen hervorrufen: "Das Kind, das der Schizophrenie zum Opfer fällt, (scheint) genau die gleichen Gefühle gegenüber sich selbst und dem Leben zu entwickeln, wie der KZ-Häftling: Es fühlt sich jeder Hoffnung beraubt und völlig augeliefert den zerstörerischen irrationalen Mächten (...) Was für die Häftlinge eine äußere Wirklichkeit war, ist für das autistische Kind seine innere Wirklichkeit."

Den Kindern zu helfen bedeutete für Bettelheim auch, eine nachträgliche Kompensation zu finden für das unendliche Leiden, das er im KZ hilflos mit ansehen mußte. Den Weg zur Heilung beschrieb er so: "Um ein neues Leben zu beginnen, muß die totale Extremsituation, die seine Autonomie zerstörte, ersetzt werden durch eine totale Lebenssituation, die das Kind meistern kann." Zum Schutz der Kinder vor aller "Feindseligkeit der Außenwelt", auch der Eltern, sollte seine Schule in Chicago die "totale therapeutische Umgebung und die dauernde Nähe einer bedürfnisbefriedigenden Persönlichkeit bieten".

"Sehen Sie", sagt Rufolf Ekstein, der 78jährige Analytiker, der Bettelheim seit 1952 kennt, "der Bruno ist halt die Erfahrung (des KZ) nicht losgeworden, und er hatte die Uberzeugung, ich muß die Kinder retten, mit aller Gewalt, die ich hab’, und es wird sozusagen ein KZ revertiert, und dann hat er gesagt (zu den Kindern), du bleibst da, ob du willst oder nicht, und ich mach dich gesund."