Von Wolf Biermann

Die letzten Tage der DDR. Wir sind nun seit zehn Tagen hier und davon fünf Tage im Hungerstreik. Ja, ich schreibe was. Aber neben mir schnarcht ein Menschheitsretter. Im Flur hockt eine Gruppe und lacht wütend über den Atombomben-Eppelmann. Die Jungs im Nebenraum ziehen sich irgendeinen Killerstreifen rein. Ich höre das brutale Gebrülle, die Schläge, das Todesröcheln, die Dialogfetzen. Dreht doch mal die Glotze leiser! Und sie rauchen wie die Teufel. Was geht’s mich an, ich bin im Osten.

Schlafsäcke und Isomatten. Es ist eng, wir hausen hier munter wie ein rot des rattes, falls du ahnst, was das bedeutet. Und die Hungerei macht gar nicht so aggressiv, wie ich dachte. Seit vorigen Donnerstag trinken wir nur noch. Norwegisches Wasser aus Pappcontainern. Lübecker Früchtetee oder Kaffee aus Bremen. Und Gemüsesaft aus Schwaben. Ja, ich trinke hier Wasser aus Norwegen – die Erde ist ein bateau ivre. Auch das ist die neue Zeit: Es gibt im Osten fast nur noch Westzeug zu kaufen.

Hungerstreik – das klingt so melodramatisch. Wir sind gut genährt. Alles ist halb so wild, aber ein sanftes Druckmittel. Und der Hunger stachelt schön die Phantasien. Ein Rumpsteak mit Oliven und Rapunzelsalat segelt als Wolkenbild quer durch den ungeteilten Himmel in Berlin.

Ja, wir haben uns festgesetzt im Gehirn eines geistlosen Körpers. Eingenistet haben wir uns in der Großhirnwindung eines vielohrigen Riesenkadavers. Wir halten ein paar Zellen der verhaßten Firma dort besetzt, wo ihr Gedächtnis sitzt: das Aktenarchiv.

Aber die Stasi-Leiche lebt noch. Sie hängt in der postrevolutionären Intensivstation an allerhand Geräten. SED-Herzkreislaufmaschine und NDPD-Urinflasche, LDPD-Nierenwäsche, CDU-Sauerstoffschlauch. Künstliche Ernährung aus geheimen Konten. Dunkle Gelder fließen der alten Machtelite durch die Schläuche ins Nasenloch. Die Stasi macht gefährliche Dokumente unter sich weg. Die belastenden Exkremente werden heimlich beiseite geschafft. Verdiente Mörder des Volkes im Arztkittel, bewährte Folterer spreizen sich als unentbehrliche Techniker. Achtzig ehemalige Stasi-Mitarbeiter arbeiten täglich im Aktenarchiv in drei Sälen unter der strengen Aufsicht von zwei zivilen Männeken vom Staatsarchiv. Es ist zum Totlachen. Die Stasi-Archivare verlassen das Gelände allabendlich ohne Taschenkontrolle.

Nein, ich gebe mein Pionier-Ehrenwort, Minister Diestel war nie bei der Stasi. Der Beweis? Es gibt keine Akte über ihn! Und der Ministerpräsident mit dem Zickenbart, unser Blockfreund de Maizière, hatte mit Mielke niemals nicht keinen Vertrag, das pfeifen in der DDR die Spatzen von den Dächern. Die alten Betriebsleiter und ihr Parteisekretär und immer wieder auch schnell noch eingestellte hohe Stasi-Offiziere haben die VEBs in GmbHs umgewandelt und lassen sich in der Bundesrepublik in Schnellkursen als Geschäftsführer auf Marktwirtschaft trainieren. Als das Volk vor einem Jahr durch die Straßen zog und rief: Wir sind das Volk! – da standen diese etablierten Schweinehunde grinsend hinter der Gardine und sagten, klar, ihr seid das Volk, ihr Trottel – und das bleibt ihr auch!