Von Klaus Harpprecht

Wie viele Worte zählt ein Journalistenleben? Fünf Millionen? Zehn? Welche Riesen-Heere würden aufmarschieren, ließen wir all unsere Worte am Ende der Tage an uns vorbeiparadieren! Wir könnten versuchen, sie zuchtvoll zu ordnen: die Regimenter der Nachrichten und Situationsberichte, die Bataillone der Leitartikel und Glossen, die Kompanien der Kritiken, die Fähnlein der sogenannten Feuilletons – aber das wäre vergebliche Mühe, denn so diszipliniert geht es in den Köpfen der Zeitungsleute, die den Namen verdienen, nur selten zu.

Journalismus hat mit Kasernenhöfen wenig zu schaffen. Die Worte schwärmen, werden sie freigelassen, eher in irregulären Horden über die Felder unserer Erinnerung, einschüchternd in ihrer ungeordneten Macht, überwältigend und bedrohlich. Schlimmer wäre es, wenn sie rachsüchtig auf dem Papier erstarrten, auf das wir sie schreiben, oder wenn sie in den Leitzordnern zu Moder und Staub zerfielen: gebraucht, verbraucht, verloren, vertan – Müll der Aktualität, die wir so viele Jahrzehnte lang unseren Lesern mit geschwollener Wichtigkeit aufzuschwatzen versuchten.

Manchmal aber geschieht das Wunder, daß die Worte am Ende des lebenslangen Dienstes für die Zeit und für die Zeitung in einfacher Würde auferstehen: schön und voller Kraft, unbeschädigt, so jung und so glänzend, als würden sie zum ersten Mal gesagt und geschrieben. Dem großen englischen Journalisten Malcolm Muggeridge wurde dieses Glück zuteil, als er seine Memoiren vorlegte, die zu den eindrucksvollsten Autobiographien unseres Jahrhunderts gehören. Eine ähnliche Verzauberung vollzog sich in den Erinnerungen von Stéphane Roussel, in denen sie – unter dem Titel "Die Hügel von Berlin" – von ihren Korrespondentenjahren in Deutschland (vor und nach dem Zweiten Weltkrieg) erzählte.

Sie hatte diese Arbeit noch nicht völlig zu Ende gebracht, als sie an einem Sonntag vor dem Badezimmerspiegel gewahr wurde, daß ihr ganzer Körper von "tiefblauen, blutunterlaufenen Flecken" übersät war. Sie sah aus "wie eine Sünderin in der Bibel, die mit knapper Not einer Steinigung entgangen ist". Im American Hospital von Neuilly, dem reichen Pariser Vorort, stellten die Ärzte fest, daß das System der Thrombozyten, das für die Blutgerinnung sorgt, zusammengebrochen war. Sie drohte zu verbluten.

Viele Jahre nach der Heimsuchung berichtet sie nun von der ersten Nacht in der Klinik in ihrem Buch: "Jenseits der Nacht". Nüchtern und bescheiden nennt die Autorin ihr kleines Buch eine Reportage. Darum handelt es sich in der Tat. Doch die Wahrhaftigkeit verlangt eine exaktere Kennzeichnung: Stéphane Roussel schrieb eine poetische Reportage, die wir lieber nicht Dichtung nennen wollen, um das Werk vor dem Verdacht zu schützen, hier sei eine suchende Seele darum bemüht, aus der deutschen Tiefe Blasen steigen zu lassen.

Nichts davon. Kein Schmock. Keine geplusterten Empfindungen. Keine Bedeutungs-Schwangerschaften. "Ein Bett. Schmal, hochbeinig, metallen. Ein Schalter am Kopfende regelt die Lage. Rücken hoch – Rücken höher – Beine angehoben" – so schlicht und so genau beginnt die Erzählung. Dann führt uns die Autorin behutsam durch die Nacht, in der sie, wie man wohl sagt, "zwischen Leben und Tod schwebte". Sie wußte, daß sie nicht einschlafen durfte: "Nicht heute. Nicht jetzt. Dieser Tag durfte nicht zu Ende gehen ... Ich mußte wach bleiben. Ich durfte diesen elenden, blutunterlaufenen Körper nicht im Stich lassen, auch wenn er mich verraten ... hatte."

"Langsam", entsann sie sich hernach, "eine nach der andern gingen die Minuten durch den Raum, behutsam ihre Einbahnstraße entlang. Es waren meine Minuten. Sonderbar zu denken, daß iedermann seinen eigenen Vorrat an Minuten mitbekommt. Vielleicht würde in dieser Nacht eine von ihnen die letzte sein." Reise durch die Dunkelheit, über die helle Flecken krochen. Der Tod, dem Leben entgegen? "Es sind die letzten Stunden", dachte sie. "Ich würde die Pforte erreichen. Dann wäre auch die Nacht zu Ende, und ich hätte das gleißende, weiße Licht erreicht, das hinter der Pforte wartete."

Sie rief Geschichten aus dem Gedächtnis herbei, um nicht aus Zeit und Leben zu fallen. Sie wollte sich erinnern. Dazu brauchte sie Bilder. Sie brauchte aber vor allem Worte, die treuesten Gefährten ihres Weges. "Wir waren immer da", riefen ihr die Worte zu, "wenn Sie danach verlangten und wo auch immer Sie sich befanden: in Ihrem Arbeitszimmer, in Hotels, im Flugzeug und im Schlafwagen, in Telephonzellen, auch unter offenem Himmel und oft bei so großem Lärm, daß wir uns kaum verständlich machen konnten." Die Worte wollten sich ihr, für einen Augenblick, entziehen. Sie drohten mit Streik. "Man träumt nicht in Worten", schalt die Autorin: "man träumt in Bildern." Aber sie fügte rasch hinzu: "Bilder, die das Gedächtnis hervorzaubert, genügen nicht, man verliert sie zu leicht aus dem Gedächtnis. Worte bleiben." So wurde ihr die Nacht zwischen Leben und Sterben eine Nacht der Worte.

Später präzisierte sie, die Schwierigkeiten des Erzählens ausmessend: das einmal gesprochene Wort könne nicht zurückgenommen werden, niemals. Stéphane Roussels Beziehung zu den Worten war – wie sollte es anders sein? – gerade in der Epoche des Dritten Reiches oft gereizt und voller Spannung. Die erste ihrer Nacht-Geschichten berichtet von einer Sommer-Flucht aus dem braunen Berlin auf eine winzige Insel in den Schären vor der schwedischen Küste. Sie fand sich unter vier schweigsamen Fremden wieder: "Es waren glückliche Tage. Ich lebte in der mir neuen Welt der Wertlosigkeit..."

Sie sei bei ihrer Ankunft, sagt sie sich nun, in dem einsamen Krankenbett des American Hospital von Neuilly, vielleicht "wortkrank" gewesen, krank nicht nur an den "großen Worten der öffentlichen Rede, die wie ein Dauerregen auf ein ganzes Volk niederprasselten", sondern auch krank an den endlosen und bedrückenden Diskussionen der Gegner des Regimes, deren Gespräche sich im Teufelskreis der Verzweiflung drehten.

Sie denkt an die Mutter, die so früh an der Schwindsucht gestorben ist: das Töchterchen Stephane zählte kaum sechs Jahre. In seiner Traurigkeit fing das Kind an, Geschichten zu erfinden, doch als es einige Jahre später Anstalten machte, seine Geschichten "in ein liniertes Schulheft einzutragen", wurde ihm ein "Schreibverbot" auferlegt. Es möge lieber, wies man es an, seine Schulaufgaben machen. "Ich schrieb trotzdem weiter, im Garten, es war Sommer. Die Blätter versteckte ich in einem Baumstamm, der an einer Seite einen tiefen Spalt hatte." Nun aber sitzt plötzlich die junge Mutter an ihrem Krankenhausbett in Neuilly. Sie sagt: "Ich habe dir weh getan, aber du bist wach geworden und hast schon früh nach Worten gesucht... Du hast früh schon Gedichte geschrieben, und deine ersten Verse waren für mich .. So begann ein Leben mit dem Wort. Zu welcher Summe waren sie gewachsen, die Worte, als Stephane Roussel im Sommer 1944 – sie arbeitete in London unter den Getreuen des Generals de Gaulle – ihre "Hermes"-Schreibmaschine ihrem Kollegen André anvertraute, dem einzigen Franzosen, dem erlaubt war, freilich in der Uniform eines amerikanischen Kriegsberichterstatters, an der Invasion der alliierten Truppen teilzunehmen. Das Boot mit dem Gepäck der Reporter wurde versenkt. Noch Monate später dachte die Autorin an ihre "Hermes", "die in meiner Vorstellung nicht sogleich unterging, sondern noch lange, lange, von den Wellen getragen, unter der Wasserfläche trieb, inmitten von allerlei Dingen, an die sie nicht gewöhnt war, Maschinengewehren, Torpedos, in Brand geratene und verkohlte Rettungsboote, Kriegsmaterial jeder Art, dazwischen immer wieder Knäuel von leblosen Körpern ..."

"Die vielen Worte" – Worte, die in ihrer Summer ein Leben sind. Nicht nur Worte aus ihrem "eigenen Besitz, es waren auch Worte der anderen, der Großen, Gereimtes und Ungereimtes, Poesie und Prosa, so als hätte ich sie ein Leben lang aufgespeichert für die Zeit der Not. Die meisten stammten aus vergangenen Jahrhunderten. Manche hatte ich längst vergessen und erkannte sie nicht gleich wieder ... hier sieben Worte von Friedrich Rücken: ‚Ich bin der Welt abhanden gekommen‘, dort ein einsamer Satz des Englanders Rüper Brooke. ‚And my heart is Sick with memortes‘..."

Sie scheint zu fallen. Die Worte ziehen sich von ihr zurück. Eines sagt: "Du brauchst keine Worte mehr." Aber das trifft nicht zu. Das Wort steht gegen Schlaf und Vergessen. Das Wort: der Widersacher des Todes. Das Wort, das nach der Einsicht des Johannes der Anfang war. Leben und Überleben aus dem Wort. Von Heinrich Heine stammt die schone Paraphrase, daß die Welt das "Signum des Wortes" sei. Das Menschenleben ist nichts ohne das Wort.

Der Morgen kommt nach der langen Nacht: "Den ersten Strahlen einer schwachen Märzsonne war es mühelos gelungen, die lärmende Nuit Blanche zu vertreiben ... Die neue Helligkeit schien blaß, mir aber, die den dunklen Windungen der Nacht entkommen war, leuchtete sie wie das Licht von vielen Sonnen."

Die Autorin brauchte die Worte in der Tat: für ein kostbares kleines Buch, das ihr – poetisch, schmerzhaft und schön – nach einem langen Alltag der Journalisten-Worte entgegenwuchs. Sage noch einer, Journalismus könne keine Literatur sein. Die Sorgsamkeit der Sprache ist beispielhaft. Die Franzosin Stéphane Roussel schrieb ihre Reportage vom Sieg der Worte über den Tod auf deutsch.

  • Stéphane Roussel:

Jenseits der Nacht

Rowohlt Verlag, Reinbek 1990; 155 S., 29,80 DM