Von Eckhard Roelcke

Er habe es "nicht ausgeschlossen, aber auch nicht gerade erwartet". Gustav Rivinius sitzt im Wohnzimmer seines Elternhauses im saarländischen Bous in einem altdeutschen Sessel, selbstbewußt und locker. Er erzählt vom Tschaikowskij-Wettbewerb in Moskau, den er vor kurzem als erster deutscher Musiker gewonnen hat – ein beinahe nüchterner Bericht, ohne Schwärmen und ohne Euphorie, aber mit einer gewissen Portion Stolz.

Die 93 Cellisten der ersten Runde haben als Pflichtstücke die A-dur-Sonate von Boccherini und das "Pezzo capriccioso" von Tschaikowskij zu spielen; außerdem noch ein zeitgenossisches Werk freier Wahl. In der zweiten Runde müssen die ausgewählten 32 Kandidaten eine Beethoven- oder Brahms-Sonate, ein russisches Stück und eine der sechs Bach-Suiten den Juroren und dem Publikum, das von Anfang an zuhören kann, präsentieren. In der dritten und letzten Runde verbleiben schließlich zwölf Cellisten. Jetzt fühlt sich Gustav Rivinius richtig wohl: Das Wettbewerbsfieber nimmt ab, die Arbeit mit dem Orchester an den Rokoko-Variationen von Tschaikowskij und einem großen Cellokonzert nach Wahl gibt ihm die Möglichkeit, seine solistischen Qualitäten zu entfalten: "Die dritte Runde glich mehr einem Konzert als einem Vorspiel. Außerdem hatten wir viel Zeit mit dem Orchester." Auf allen Etappen riskiert er viel, überall dort, wo er zwischen einzelnen Stücken wählen kann, sucht er sich die schwersten Brocken heraus: die F-dur-Sonate von Brahms und die Schostakowitsch-Sonate, die 6. Bach-Suite und das Dvoräk-Konzert.

Die Atmosphäre in Moskau genießt er. Das Hotel, in dem die Cellisten untergebracht sind, gehört angeblich "zu den besten am Ort", das Essen sei zwar nicht abwechslungsreich ("entweder Huhnchen oder Beef, wie sie es nannten"), aber immerhin "ganz in Ordnung". Spannungen zwischen den Konkurrenten gibt es nicht, und das Publikum spendet allen Musikern aufbauende Anerkennung.

Dann die Entscheidung: "Wir mußten viele Stunden warten, bis nachts um ein Uhr. Als endlich vom Präsidenten der Jury das Ergebnis bekanntgegeben wurde und ich als Preisträger feststand, da war ich natürlich überwältigt und konnte es im ersten Augenblick gar nicht glauben." Zeit zum Durchatmen jedoch hat er kaum. Nach dem Preisträgerkonzert im Tschaikowskij-Saal mit den Rokoko-Variationen fliegt er nicht etwa in die saarländische Heimat zur Familie, die ihm so viel bedeutet, sondern schnurstracks in die USA zu einem Musikfestival. Dort hatte er sich schon lange vorher angemeldet.

Seine Laufbahn verlief bislang wie im Bilderbuch: Mit sechs Jahren bekommt er Unterricht bei seinem Onkel in München; mit sieben kehrt er ins Saarland zurück. Seinem neuen Lehrer, Ulrich Voss, verdankt er fast alles, was er gelernt hat, sagt er – nicht nur die Technik, sondern auch die Art und Weise, wie man sich einem neuen Musikstück nähert, wie man es einstudiert, es stilistisch in den Griff bekommt. Noch während seiner Gymnasialzeit wird er 1981 Schüler von Klaus Kanngießer an der Saarbrücker Musikhochschule, nach dem Abitur studiert er dort noch zwei Jahre und wechselt dann nach Lübeck zu David Geringas, bei dem er sein Examen ablegt. 1988 erhält er ein DAAD-Stipendium und geht an die Julliard-School in New York zu Zara Nelsova. Seit dem vergangenen Jahr nun studiert er bei Heinrich Schiff in Basel.

Offizielle Anerkennungen ließen nicht lange auf sich warten: Nach Erfolgen etwa bei Jugend musiziert gewinnt er 1986 beim Concours Rostropovich in Paris einen zweiten Preis, im gleichen Jahr beim Münchner ARD-Wettbewerb ebenfalls einen zweiten Preis, der besonders hoch einzuschätzen ist, weil ein erster nicht vergeben wurde. Weiter geht es mit einem ersten Preis beim internationalen Musikwettbewerb im holländischen Scheveningen, und gerade einen Monat vor seinem größten Erfolg in Moskau folgt noch ein Preis beim Nauenburg-Wettbewerb in New York, der wichtigsten Cellisten-Herausforderung in den USA.