Wenn der deutsche Mann Revolution macht, dann wird allenfalls ein Bierkampf daraus. Im kahlen Bühnenkasten liefern sich Herr Karl Moor (Gerd Preusche) und Herr Moritz Spiegelberg (Kurt Naumann) zum Spaß ein Duell – in ihren Händen haben sie aber nicht den Degen, sondern den Bierkrug. Einer zerbricht sogleich. "Moritz, ich brauche ein neues Glas!" ruft der Herr Karl – und holt sich ein neues beim Requisiteur, aus der Kulisse. So beginnt Frank Castorfs Inszenierung von Schillers jugendlichem Trauerspiel "Die Räuber" – elf Tage vor dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik, und das ist kein gutes Omen.

Denn in dieser wahrhaft und zwanghaft historischen Stunde glaubt nun auch Castorf, sonst einer der hellen Theaterköpfe im Lande, dem trüben Thema nicht ausweichen zu dürfen – und inszeniert uns "Die Räuber" als tristen Abgesang auf die untergehende Ostrepublik.

Die Räuber also sind ein verlorener, kaputter Haufen, ihre Revolte eine Art Vatertagspartie mit Bier und bierigen Gesängen: Zickezacke, zickezacke, heuheuheu! Aller Jugend sind sie längst entwachsen: Karl Moor, ihr Chef, ist ein grauer, dicklicher Spießer, den der Lauf der Welt nur noch wenig interessiert, den höchstens noch das Thema "Pilzernte in der DDR" in Rage bringt.

Verläßt die Aufführung dann Räuber und Böhmische Wälder, beendet Castorf das politische Satyrspiel und beginnt ein endloses, verquältes deutsches Schauerdrama, in dem das bleiche und das bunte Elend nervtötend regieren. Vater Moor (Winfried Wagner) haust in einem riesigen Silberkochtopf, Kanaille Franz (Henry Hübchen) foltert den Alten mit dem Feuerzeug, Fräulein Amalia (Cornelia Schmaus) geht irre. Schauspieler fallen aus der Rolle und in dieselbe wieder hinein – und im Publikum macht ein gutinszenierter Zwischenrufer zornig Radau.

Kurzum: ein richtiges Castorf-Spektakel und doch das gründlich falsche. Denn unter dem Alpdruck der Großen Konzeption wirkt Castorfs Theater diesmal nicht übermütig, sondern Untertan. Statt mit den Trümmern des Stückes selbstherrlich zu spielen (wie bei "Miss Sara Sampson" in München, "Stella" in Hamburg), wühlt sich der Regisseur schwitzend und schnaubend durch seine deutsche Trümmerlandschaft, durchs Schiller- und durchs Müllermaterial.

Am Ende lodern vor einem nachtschwarzen Himmel rote und goldene Papierflammen. Und ein Rocksänger röhrt jedem, der es immer noch nicht begriffen hat, die Botschaft des Abends ins Ohr: "Wer das Geld hat, hat die Macht."

Aus. In Ost-Berlin, am Rosa-Luxemburg-Platz, ist es der 22. September, zehn nach elf. Fünfzig Minuten später beginnt der deutsche Herbst. Es ist ja alles so trostlos. Großer Beifall. Benjamin Henrichs