Theaterdekoration, Hort der Reaktion oder gelungenes Friedensmodell ?

Von Klaus Günzel

An einem Septembertag des Jahres 1815 fand in der Ebene von Vertus unweit von Chälons, rund 140 Kilometer östlich von Paris, eines der spektakulärsten militärischen Schauspiele jener Zeit statt. Zar Alexander I. von Rußland, der Inspirator und Regisseur der geräuschvollen Inszenierung, wollte damit vor aller Welt den Namenstag seines Schutzpatrons, des heiligen Alexander Newskij, begehen und hatte für die Feier wahrlich geschichtsträchtigen Boden gewählt: Hier in dieser Gegend, auf den Katalaunischen Feldern, war fast anderthalb Jahrtausende zuvor der Hunnenkönig Attila der Streitmacht des weströmischen Heermeisters Aerius erlegen. Jetzt galt es mit einer imposanten Heerschau den Sieg über einen anderen Attila zu verherrlichen.

Drei Monate vorher war der imperiale Machttraum Napoleons, des neuen Antichristen, bei Waterloo in einem Meer von Blut und Morast für immer zugrunde gegangen. Was lag nun für den Zaren, den gesalbten Herrscher aus dem Osten, näher, als die Epochenwende mit einem Festgepränge zu besiegeln, das Truppenparade und Gottesdienst zu einer demonstrativen Einheit verschmolz? "Gott der Allmächtige hat Alexander berufen, und Alexander folgte der Stimme Gottes." Diese Worte Juliane von Krüdeners, einer missionarisch agitierenden Pietistin aus dem Baltikum, waren tief in des Zaren Seele gedrungen, in der Autoritätsbewußtsein und Erlösungssehnsucht schon so lange miteinander im Hader lagen.

Jetzt, während 132 Infanterie-Bataillone und 168 Kavallerie-Schwadronen paradierten und 528 Geschütze die Böller lösten, stand Frau von Krüdener unter den Ehrengästen, in ihrem simplen blauen Kleid und ihrem Strohhut wunderlich genug anzusehen. Denn um sie herum blitzten die Ordenssterne des Kaisers Franz von Österreich, König Friedrich Wilhelms III. von Preußen, des Fürsten Schwarzenberg, des Marschalls Blücher, des Herzogs von Wellington und ihrer Suiten. Manch einer der auf Thronen und Schlachtfeldern ergrauten Aristokraten, deren Namen schon in den Geschichtsbüchern standen, konnte sich des Kopfschütteins nicht erwehren, als die kuriose Betschwester nun an der Seite des Zaren und an der Spitze der Truppen mit erhobenen Armen zu einem jeden der sieben Altäre schritt, die auf die mystische Zahl der Apokalypse verwiesen.

Kurz nach der monströsen Feier bedrängte der Selbstherrscher aller Moskowiter den Kaiser von Österreich und den König von Preußen, dem glorreich beschlossenen Kreuzzug wider Napoleon ein sakrales Bündnis folgen zu lassen, um den mühsam gewonnenen Frieden unter den Schutz des Allerhöchsten zu stellen und die irdischen Angelegenheiten fortan nach biblischen Geboten zu ordnen. Zwei Wochen später, am 26. September 1815, unterzeichneten die drei Monarchen die Gründungsurkunde der "Sainte Alliance", der Heiligen Allianz.

Die Betschwester des Zaren