Von Claudia Sautter

Nürnberg

Für den Nürnberger Fliesenlegermeister Max Adolf Faltermeier war Theodor Herzl ein „totaler Neuling“. Als er im Winter 1989 von der Stadt den Auftrag bekam, die Keramikplatten mit den Konterfeis von Walther Rathenau und Theodor Herzl im U-Bahnhof Rathenauplatz zu verlegen – immerhin ein Auftrag für das größte Mosaikbild der Welt zog Herr Faltermeier erst mal ein Lexikon zu Rate. Theodor Herzl, Begründer des Zionismus, las er da. Faltermeier wollte bei „Anfragen“ schließlich nicht dumm dastehen.

Der Nürnberger Oberbürgermeister Peter Schönlein (SPD) hatte nicht erst ein Lexikon befragen müssen, als ihm im März 1988 der Entschluß für die Wandgestaltung des U-Bahnhofes – Kostenpunkt: 700 000 Mark – auf den Tisch gelegt wurde. Was denn der Begründer des Zionismus mit der Stadt Nürnberg zu tun habe, fragte er und schlug vor, doch den Nürnberger Mäzen und Zeitgenossen Rathenaus, Ludwig von Gerngros, anstelle Herzls abzubilden. Er wollte bei entsprechenden Anfragen offenbar auch nicht dumm dastehen.

Im Beirat Bildende Kunst hatte man sich rasch auf den Entwurf des Künstlers Gregor Hiltner geeinigt. Zwei Wege, jüdische Existenz aufzuzeigen, symbolisiert in Rathenau und Herzl, der eine ein assimilierter deutscher Jude, der andere Verfechter eines jüdischen Staates: Das leuchtete den Herren ein. Sie beschlossen am 3. März 1989 einstimmig, die Arbeit von Gregor Hiltner fünf anderen Entwürfen vorzuziehen und zur Ausführung vorzuschlagen. Im Kulturausschuß der Stadt einigte man sich nicht so schnell.

Ob denn der Gelehrtenstreit zwischen Assimilierten und Zionisten ausgerechnet in einem Nürnberger U-Bahnhof ausgetragen werden müsse, fragte einer. Ludwig von Gerngros sei doch immerhin jüdischer Ehrenbürger von Nürnberg und außerdem Stifter des Neptunbrunnens. Die Mitglieder des Bauausschusses mühten sich nach Kräften, Gregor Hiltner zur Nachbesserung seines Entwurfs zu bewegen. Auf einer Sitzung am 27. Juni 1989 schlug man ihm vor, er könne auch eine „ganz neue, abstrakte malerische Lösung der Wandgestaltung“ überlegen. Gregor Hiltner verließ die Sitzung mit dem Eindruck, daß die Stadt gerade das vermeiden wollte, worauf es ihm mit seinem Entwurf ankam: Die Auseinandersetzung mit deutscher jüdischer Kultur.

Diese Auseinandersetzung hatte der 1950 in Nürnberg geborene Gregor Hiltner schon in der Schule vermißt. Ein langer Israel-Aufenthalt während seines Kunststudiums bringt ihn zur Beschäftigung mit dem Judaismus: Er liest Schriften von Herzl, Scholem und anderen. In der Lektüre findet er seine „Identität als Deutscher“. Als die Stadt ihn zum Wettbewerb um die künstlerische Gestaltung des U-Bahnhofes Rathenau-Platz aufforderte, war das für Hiltner die Chance, sein Nachdenken über das Judentum ästhetisch umzusetzen: Politische Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen, das hat ihn gereizt.