Von Anna V. Münchhausen

Also um halb zehn, ja?“ Womm. Der Hörer flog auf die Gabel, und noch in Hamburg schien die Leitung leise zu vibrieren von diesem Schwung.

Nun sind wir da. Aber wo ist sie? An diesem frisch gestärkten Sommermorgen mit den weißen Wolkenplumeaus über dem seidenblauen Chiemsee scheint niemand in Seeham die Frau Nadolny gesehen zu haben, auch der Nachbar nicht, der sich über sein städtisch-schmiedeeisernes Gartentor beugt und einen bedächtigen Blick hinüber zum „Russenhaus“ schickt, dem fröhlich improvisierten.

Roter Giebel, schwarze Balken, Regentonne, Birkenmelancholie: Inmitten vom Neorustikal-Chic des Seehamer Neubau-Speckrings mit den ausladenden Pfannendächern macht sich das nachgedunkelte Kuriosum eigen aus; wie eine leuchtende Ringelblume zwischen Baccara-Rosen. Metamorphose einer Behausung – Sommerhaus, Fluchtburg, später dann magischer Dreh- und Mittelpunkt eines Buches: „Ein Baum wächst übers Dach“ wurde lange vor der großen Erinnerungs- und Nachkriegsmemoiren-Welle geschrieben. Gelesen wird es immer noch.

Was uns herführte, war eine kurze Meldung im Börsenblatt: Isabella Nadolnys sechs Bücher haben in diesem Jahr die Auflage von einer halben Million überschritten. Erfolgsschriftstellerin, so nennt man das wohl. Selten gab es freilich eine, die mit so wenig Verlags-PR auskam. Ein Erfolg gegen die Wahrscheinlichkeit: Solche Ich-Geschichten of a certain quiet charm‚ wie das Genre in Amerika beschrieben wird, leiden hierzulande schnell unter dem Hautgout des Harmlosen, Gefälligen.

Das Haus ohne Herrin riecht nach warmem Holz. Auf der Veranda – Tisch, Eckbank, Hut und Schlauch – beginnt ein Stilleben von der abwesenden Bewohnerin zu erzählen. Wassergläser zum Auswaschen von Pinseln, eine Einkaufstüte vom Münchner Stoff- und Kramladen Radspieler. Keine Klingel, statt dessen baumelt ein Bleistift neben der Haustür. Wie alle Alleinlebenden wird sie ärgerlich sein, unverhofften Besuch zu verpassen. Wenigstens eine Botschaft soll er dalassen.

Auch als wir uns später doch noch gegenübersitzen in der Nische am Fenster, wo sich der See als flüssiges Schimmern von Licht und Blau ins Blickfeld schiebt, erzählt sie erst einmal vom Alltag einer Alleinlebenden. So wie die Nadolnys, eine schreibende Familie mit unersättlichem Bedarf an Geschichten, Erinnerungen und Anekdoten, gern erzählen: Schnell, mit sicherem Strich wird eine Szene skizziert, die komischen Details nach vorne, weiter hinten Distanz und Anrührendes nicht zu vergessen, und unverhofft kann sie aus dem Bild umsteigen auf die Bühne und mit verteilten Stimmlagen die Szene beleben. Den Schlußpunkt setzt die braungebrannte Hand, die erstaunlich kraftvoll auf den Tisch fällt.