Bisweilen war die DDR wohl noch weiter entfernt als Japan. Schon 1981 publizierte der Leipziger Reclam Verlag unter dem Titel "Pflaumenblüten in der Nacht" Erzählungen von Masuji Ibuse, die nun unverändert noch einmal in einer Lizenzausgabe erscheinen.

Der Band enthält zwölf Geschichten des heute 92 Jahre alten Ibuse, dessen bekanntester Roman "Schwarzer Regen" (1965) - ein leises Drama aus der Provinz über die Folgen der atomaren Katastrophe - in diesem Jahr eindrucksvoll verfilmt wurde. Ibuses literarisches Engagement gegen Krieg und atomare Bedrohung ist auch in seinen Erzählungen in sporadischen Interventionen spürbar: "Hier hatte man, auf wenige Augenblicke zusammengedrängt, erlebt, was Krieg ist. Verschwendung war wohl noch nicht mal das richtige Wort "

Obgleich Erzählhaltungen und formen variieren, bleibt die Struktur der Geschichten eher episodisch. Nach einer konventionellen Eröffnung wie "Ich hatte gerade in der Gegend zu tun" schweifen sie oft ab und zeigen sich weniger an engen Verknüpfungen oder Pointierungen als an Momentaufnahmen und Stilleben interessiert. Ein ruhiger, schlichter Tonfall durchzieht auch das groteske Portrait des verrückten Oberstleutnants Okazaki, der nach Kriegsende weiter die Dorfbewohner kommandiert und dessen Krankengeschichte langsam und zugleich etwas umständlich berichtet wird.

Am gelungensten sind die kurzen konzentrierten Stücke, die mit sprödem Witz vom alten Bullenzüchter "Opa Stiertiger" erzählen, für dessen Gewerbe sein Sohn sich schämt, oder mit freundlicher Ironie schildern, wie bei einem Betriebsausflug das Soldatenlied "Alte Kameraden" laut und mit patriotischer Inbrunst intoniert wird, während Diebe die Unterkünfte ausräumen. Stolz und Scham sind konstante Eigenschaften von Ibuses Figuren: Eine schwerkranke Patientin etwa verweigert aus Geldmangel eine weitere ärztliche Behandlung und stirbt.

Es ist die Moral einfacher Leute ohne Leidenschaften, voller Demut und Fügsamkeit, die nicht nur in der merkwürdigen Variation des HerrKnecht Motivs in "Zu Hause bei Herrn Tange" zutage treten. Den scheinbar unveränderlichen Hintergrund dieser Geschichten bilden die so unpathetischen wie plastischen Naturschilderungen und das dörfliche Kolorit mit seinem ereignisarmen Alltag, an denen der Übersetzer im Nachwort bemängelt, oft gerieten "statt der Menschen die Umstände in den Mittelpunkt", obgleich es gerade die mit liebevoller Präzision entworfenen Alltagsbilder sind, die westlichen Lesern den Zugang erleichtern.

Der Reiz der Fremdheit kann allerdings für die - in westlichen Augen dominierende - Gemächlichkeit und Temperamentlosigkeit von Ibuses Prosa nur selten entschädigen. So verwundert es auch kaum, im Nachwort zu lesen: "Heftige Kontroversen, an denen Japans jüngere Literaturgeschichte nicht gerade arm ist, hat sein Schaffen nie ausgelöst Peter Körte Erzählungen; ausgewählt, aus dem Japanischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Berndt; Insel Verlag, Frankfurt am Main 1990; 241 S, 32 - DM