In der letzten Sitzung scheitert die Volkskammer beim Versuch, die Vergangenheit zu bewältigen

Von Christian Wernicke

Ost-Berlin, Anfang Oktober

Alles vergeblich? Jürgen Haschke jedenfalls, dieser bullige, allseits respektierte DSU-Abgeordnete aus Thüringen, flüchtet sich in hilflosen Sarkasmus. Als Bilanz von mehr als zwölf Stunden quälender Volkskammer-Debatte rezitiert ausgerechnet er, der seit Monaten um die Auflösung des DDR-Staatssicherheitsdienstes ringt, sein ärgstes Feindbild – den verhaßten Stasi-Chef Erich Mielke. "Ich liebe euch doch alle", so hatte vor nicht einmal einem Jahr der vergreiste Oberstalinist gestammelt, sich und sein Spitzelheer als Schützer von Volk und Vaterland zu verkleiden versucht. Sinngemäß, so glaubte Haschke nun am vergangenen Freitag, habe sich solcherlei Lüge und Lächerlichkeit "heute mehrfach wiederholt". Über Mielke hatte die Volkskammer weiland noch gelacht; Haschke erntete, gerade fünf Tage vor den Feiern zur deutschen Vereinigung, nur das betretene Schweigen des hohen Hauses.

In jenem Moment verstummte die laute Entrüstung, mit der zuvor ein gutes Dutzend Abgeordneter gestritten oder gar gerechtfertigt hatte, zum Schaden anderer gelauscht, gespäht und denunziert zu haben. Damit stand gleichzeitig fest: Der hehre Vorsatz der Volkskammer-Abgeordneten, vor laufenden Fernsehkameras der Noch-DDR ein Vorbild für einen ehrlichen Umgang mit der eigenen Vergangenheit zu liefern, war fehlgeschlagen.

Die Chance, auf die Joachim Gauck, der künftige Sonderbeauftragte für die Verwaltung der sechs Millionen Stasi-Dossiers, zu Beginn der Sitzung noch gehofft hatte, diese "Chance des Wiedererkennens in Worten und Taten der Anpassung und des Verrats" – sie wurde vertan. "Wir kommen nicht zu uns selbst", so hatte er zunächst Beifall geerntet, "wenn wir vor uns weglaufen." Doch der rigorose Aufruf zur parlamentarischen Beichte überforderte Bürger wie Politiker und führte in eine Sackgasse.

Der Versuch offener wie öffentlicher Überprüfung erlag genau jener Mischung aus Angst und Mißtrauen, die die Stasi während der letzten vierzig Jahre in fast alle Köpfe einimpfen konnte. Insofern hielt die Kammer dem Volk nur den Spiegel vor: ein Mikrokosmos der allgemeinen Flucht, die anderen noch bevorsteht. Zudem aber wird die Ostberliner Politik noch von Fieberwellen aus lancierten Gerüchten und Verdächtigungen erschüttert. Niemand hat Beweise, keiner weiß etwas Genaues – aber jeder traut jedem fast alles zu. Auf Dauer läßt sich so kein Staat machen, selbst, wenn man es wollte.