Von Friedhelm Gröteke

Vor hundert Jahren hat die Giovanni Battista Pirelli & Co in Mailand ihren ersten Schlauchreifen für Velozipede herausgebracht. Dieses Jubiläum möchte der Kabel- und Reifenkonzern Pirelli S.p.A. in diesen Wochen gern mit einem besonderen Coup feiern: der Eingliederung des deutschen Reifenkonzerns Continental Gummi. Die Übernahme von Conti würde den Weltmarktanteil von Pirelli mehr als verdoppeln. Mit sechzehn Prozent stünde die Gruppe dann an dritter Stelle im internationalen Reifengeschäft, nach Goodyear und Michelin.

Pirelli und Continental gehören zu den sechs mächtigen Reifenherstellern, die sich insgesamt achtzig Prozent des Weltumsatzes von jährlich 45 Milliarden Dollar teilen. Vor dreißig Jahren stritten noch vierzig Unternehmen um diesen Anteil. Jetzt geht der Kampf um die Marktmacht in die letzte Runde, und Pirelli will mit der Übernahme von Conti endlich auf einen Spitzenplatz kommen. Zwei Anläufe sind bereits gescheitert. Vor zehn Jahren ging die Ehe zwischen Pirelli und Dunlop zu Bruch. 1987 dann schnappte die japanische Gruppe Bridgestone den Mailändern die amerikanische Firestone durch ein höheres Übernahmeangebot an der Börse weg.

Aber auch der dritte Versuch hat nicht gut begonnen. Die Italiener sind in Hannover zunächst aufgelaufen. Der 65jährige Präsident Leopoldo Pirelli, Konzern-Chef in der dritten Generation, hatte der norddeutschen Konkurrenz ohne vorherige Abstimmung mit dem Vorstand ein als "freundschaftlich" bezeichnetes Übernahmeangebot präsentiert. Gleichzeitig aber wies er darauf hin, sein Konzern und damit liierte Aktionäre hätten bereits die Mehrheit des Conti-Kapitals in der Tasche. Freilich weigerte sich Pirelli, die Namen seiner Verbündeten zu nennen. Die italienische Zeitschrift Il Mondo spekuliert in ihrer jüngsten Ausgabe, daß unter anderem Friedrich Christian und Gerd-Rudolph Flick Conti-Aktien für Pirellis Wendemanöver bereithalten. Und auch der Frankfurter Rechtsanwalt Nikolaus Jürgen Weickart, der den Eintritt des schwedischen Stora-Konzerns bei Feldmühle mitorganisiert hat, soll ein Aktienpaket besitzen, das er den Italienern zur Verfügung stellen könnte.

Doch Conti-Vorstandschef Horst Urban glaubt nach wie vor nicht daran, daß Pirelli und Freunde bereits die Mehrheit bei Conti kontrollieren. Er weigert sich, die Selbständigkeit der Gruppe ohne Notwendigkeit aufzugeben und sich dabei auch noch schwere Nachteile einzuhandeln. Denn, so rechnet er vor, seine Gesellschaft soll die Mehrheit der Pirelli-Reifenholding zu einem mehrfach überhöhten Preis übernehmen. Durch Aufnahme erheblicher Kredite müßte Conti diese Transaktion auch noch zum wesentlichen Teil selbst finanzieren. Pirelli würde dagegen eine günstige, exklusive Kapitalerhöhung bei Conti eingeräumt, und von da an würden alle strategischen Entscheidungen von Mailand aus getroffen.

Zunächst bleibt abzuwarten, was aus Urbans Gegenvorschlag wird: Die Conti-Verwaltung bietet an, daß beide Gruppen ohne Zeitdruck gleichberechtigt über eine Zusammenarbeit sprechen. Pirelli gibt dazu keinen Kommentar. Die Zentrale in Mailand hat eine Nachrichtensperre beschlossen und will erst wieder "zu gegebener Zeit" reden. II Mondo behauptet, die Verhandlungen würden bereits in der nächsten Woche beginnen.

Auf Diskretion drängen auch die Deutsche Bank und die Mailänder Industriefinanzbank Mediobanca. Sie sind die beiden Paten der Aktion und sollen im Frühjahr zusammen mit Pirelli den Übernahmeplan ausgearbeitet haben – die Aufkäufe der Conti-Aktien begannen im Mai. Hätte Conti-Chef Urban das Angebot von Pirelli spontan angenommen, hätten wohl sofort die Kleinaktionäre und Banken wegen Unfähigkeit der finanziellen Führung geklagt. Fraglich ist also die Rolle der Deutschen Bank, die traditionell Tutorin der Conti-Verwaltung und der Aktionäre ist.