Die schnelle Vereinigung der Deutschen weckt alte Ängste der französischen Nachbarn

Von Luc Rosenzweig

Im Sommer 1990 widerfuhr mir in meinem Heimatdorf in der Haute-Savoie, wo ich gewöhnlich meine Ferien verbringe, eine recht merkwürdige Geschichte. Mein Auto, das ich am Rand des abschüssigen Weges parke, den ich noch erklettern muß, um zu meinem hochgelegenen Chalet zu gelangen, ist aufgebrochen und dafür eine Scheibe eingeschlagen worden. Erfolglos versuchten die Diebe, den im übrigen uninteressanten Inhalt des Handschuhfaches mitgehen zu lassen. Eine banale Geschichte, wie sie sich in allen kleinen und großen Metropolen so häufig ereignet, daß sich nicht einmal mehr die unbedeutendste Lokalzeitung die Mühe einer Meldung macht und auch der rechtschaffendste Polizist nur machtlos die Achseln zuckt. Wenn ich mir trotzdem erlaube, über diesen winzigen Vorfall in einem Blatt zu berichten, das an derartige Dinge im allgemeinen keine Zeile zu verschenken hat, dann weil der Vorfall in diesem Dorf, in dem ich jeden Stein und fast alle Leute kenne, erstaunliche Überlegungen auslöste. "Du wunderst dich? Mit deiner deutschen Autonummer passiert dir das eher als unsereinem. Was willst du, die Boches gelten jetzt alle als stinkreich, und ihre Scheiß-Einheit steigt ihnen zu Kopf!"

Die Wiederkehr des Boche

Ich war verblüfft. Bis dahin hatte ich mich über die Bonner Autonummer meines Renault 19 immer mit kindlichem Narzißmus gefreut: Der Bonner Händler dieser großen französischen Automarke hatte mich damit überrascht, daß er sich bei der zuständigen Behörde um eine persönliche Autonummer für mich bemüht hatte: BN-LR 43, meine Initialen, gefolgt vom Geburtsjahr. Mein Gesprächspartner, lange nach dem Krieg geboren, hatte spontan und ohne sich Böses dabei zu denken das haßerfüllte Wort Boche benutzt, um den abstrakten Deutschen zu benennen, der gleichzeitig gefürchtet, bewundert und verachtet wird. Für diesen einfachen Mann, Arbeiter in einer der zahlreichen feinmechanischen Fabriken, die den Reichtum jener Gegend ausmachen, bedeutet die deutsche Einheit die Wiederkehr des Boche, dessen allzu starkes und allzu blitzendes Auto eine dauernde Provokation ist. Ein wenig, als wenn ein Macho eine allzu hübsche und anziehende Frau für die sexuellen Angriffe verantwortlich macht, denen sie ausgesetzt ist. Er beschimpft sie als Hure und behauptet, es geschehe ihr gerade recht.

Das Glück anderer ist manchmal schwerer zu ertragen als eigenes Unglück. Es löst wie alle starken Gefühle, die man nicht teilen will oder kann, eine Art schlechtes Gewissen aus. Franzosen und andere Europäer waren mehr oder weniger aufrichtig eingeladen, eine Freude zu teilen, die die Deutschen sich universell wünschten. Wir waren eingeladen, das Ende der Teilung Europas mitzufeiern, zu der das Ende der unnatürlichen Trennung des deutschen Volkes in zwei Teile gehört. Anfangs ging das auch sehr gut: Die Bilder aus der Nacht vom 9. zum 10. November bewegten ein französisches Volk zutiefst, das ein paar Wochen nach den prunkvollen Feiern zum 200. Geburtstag des Sturmes auf die Bastille die unmenschlichste Mauer der Neuzeit fallen sah. In meinem Dorf brauchte ich damals nur ein Stückchen Beton von der Berliner Mauer auf den Tresen der Dorfkneipe zu legen, um erlassen zu bekommen, was ich bei endlosen Diskussionen über dies Ereignis getrunken hatte. Dort werden die nüchternen Analysen aus Le Monde kaum oder gar nicht gelesen; Erzähltes und Fernsehbilder machen die öffentliche Meinung. Das Gefühl siegt meist über die Vernunft, was zu jenen plötzlichen Meinungsumschwüngen führt, die französische Politiker so sehr beklagen. Ungerührt wird verteufelt, was am Vortag vergöttert wurde.

Nachdem die Begeisterungswelle für die "Oktoberrevolution" in der DDR verebbt war, kam Besorgnis auf. Anfangs bei der sogenannten "Elite": in der politischen Klasse, bei Intellektuellen, in den Pariser Salons, wo das Auftauchen eines wirtschaftlichen und politischen Riesen erschreckt, der mit dem Segen George Bushs und Michael Gorbatschows jene Führung Europas übernehmen könnte, die auf ewig einem nuklearen Frankreich übertragen schien, das eine zwar reiche, durch die Last ihrer Vergangenheit jedoch politisch geschwächte Bundesrepublik im Kielwasser mitschleppte. Mißtrauen machte sich langsam breit: Die Winkelzüge Bundeskanzler Kohls zur Frage der Oder-Neiße-Grenze gaben Anlaß zur Unruhe über die Absichten des neuen europäischen Riesen. Alle, die in der deutschen "Gorbimanie" den posthumen Sieg einer Friedensbewegung sahen, die sie Anfang der achtziger Jahre erschreckt hatte, zeichneten wieder das Gespenst eines deutschen Abdriftens nach Osten.