Wenn das Regime wechselt, werden alle Schulgeschichtsbucher Makulatur. Das war in Deutschland 1918 so, und dann wieder 1933 und 1945. Ein weiterer Regimewechsel ist für Westdeutschland einstweilen nicht geplant. Es wäre also zu befürchten, daß die jetzt eingeführten Geschichtslehrbücher für Jahrzehnte gültig bleiben. Da aber der Wechsel eine so liebe Gewohnheit ist, wäre das eine langweilige Perspektive, und so ist man auf den Gedanken gekommen, die Geschichtsbücher mit den Regierungskoalitionen parallelzuschalten. In Landern mit sozialdemokratischer Regierung müssen die Oberschulen ein Lehrbuch "Wege der Volker" kaufen, das die Geschichte streng sozialdemokratisch behandelt. Der archimedische Punkt, von dem aus die Bearbeiter auf die letzten Jahrzehnte sehen, ist genau fixiert – etwa in folgendem Satz über die Literatur der Jahre 1918 bis 1933:

"Die moderne Arbeiterdichtung ist frei von Wehleidigkeit. Sie ist erfüllt von dem Geist proletarischer Solidarität, von einem siegessicheren Kraftgefühl und dem Bewußtsein, einer unsicher gewordenen bürgerlichen Welt einen eigenen, zukunftsfrohen Glauben entgegensetzen zu können." Darum erhält auch die Bodenreform der Sowjetzone zwei bis drei: "Politisch als Beseitigung der letzten feudalen Uberreste im ostlichen Deutschland zu begrüßen, wirtschaftlich von zweifelhaftem Wert, legte die Bodenreform den Grundstein für die Neuorganisation der Landwirtschaft." Und über das Ereignis des 20. Juli 1944 wird folgender Merksatz eingeprägt: "In Kreisen des hohen Militärs und des Beamtentums verdichtete sich der Wunsch, Deutschland und damit auch sich selbst vor der drohenden Katastrophe zu retten."

Diese drei Formulierungen werden genügen, die "Wege der Volker" für jede nichtsozialdemokratische Schulverwaltung "untragbar" zu machen, und so käme denn die nächste Wahl, wenn sie die Mehrheit ändert, einem Regimewechsel gleich. Ein Satz verdiente aber doch, in das dann genehme neue Lehrbuch aufgenommen zu werden: "Jugendliche ohne gereiftes Urteil sind leichter zu beeinflussen als Erwachsene." Nach diesem Satz werden sich noch im Jahre 2000 die Verfasser von Geschichtsbuchern richten, (gekürzt) C. E. L