Von Andreas Kilb

Auf dem langen Band, das durch die Streichholzfabrik läuft, werden die Baumstämme erst geschält, dann in Streifen geschnitten und zu Stäbchen zerkleinert. Die Stäbchen werden in einer Trommel gewaschen, im Schwefelbad imprägniert und in abgezählten Mengen verpackt. Die Streichholzpackungen werden aufgereiht und zu Zehnerkartons gebündelt. Das alles sieht man zuerst. Dann erst sieht man das Mädchen.

Das Mädchen steht am Ende des Bandes, aus dem die Streichholzkartons rollen. Es packt die Kartons in Steigen und stellt die Steigen auf einen Wagen. Dann ist der Arbeitstag vorbei, und das Mädchen hängt seinen Kittel in einen Spind.

Das Mädchen fährt mit der Straßenbahn nach Hause. Man sieht es in ein Lebensmittelgeschäft gehen. Dann tritt es durch ein Tor in einen Hinterhof. Am Fenster einer Wohnung steht eine ältere Frau. In der gleichen Wohnung sitzt ein älterer Mann vorm Fernseher. Das Mädchen steht in der Küche und schneidet Karotten in einen Topf. Es trägt das Essen auf. Der Mann, die Frau und das Mädchen essen schweigend. Im Fernsehen läuft ein Bericht über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Juli 1989.

Der Mann schläft. Das Mädchen schminkt sich und geht in ein Tanzlokal. Es sitzt mit fünf anderen Frauen auf einer Bank. Eine nach der anderen wird zum Tanzen aufgefordert. Das Mädchen bleibt übrig. Es trinkt die letzte von fünf Limonadeflaschen aus und geht heim.

Am nächsten Tag – wieder dieses fahle Licht, diese Helligkeit, die keine ist – läuft das Mädchen über einen Friedhof. Dann kommt es in ein Lokal und bestellt ein kleines Bier. Der Film dauert jetzt schon eine Viertelstunde; aber die Stimme des Mädchens hört man zum ersten Mal: "Ein kleines Bier."

So ist Iris, das Mädchen aus der Streichholzfabrik.