Saison ist nicht lediglich eine beliebige Jahreszeit, sondern eine, in der sich etwas Gesellschaftliches ereignet. "Saison" heißt eine bestimmte Jahreszeit im Gesellschaftskulturkalender.

Da häuten sich die Litfaßsäulen nun mit ernsten und bunten Plakaten, und in den Schaufenstern der Modewarenhäuser erblühen Damenhüte auf braunlackierten Stengeln. Die Preise sprießen auf Täfelchen aus Pergamentpapier, und in dramatischen Gesangsunterrichtsstunden zwitschern junge und sogar ältere Mädchen.

Rezitatoren und Musikinstrumente ergreift ein unüberwindliches Mitteilungsbedürfnis; Vereinigungen beweisen ihr Dasein durch Veranstaltung von Festen; die Kritiker können vor lauter Premieren den Anforderungen der Schauspieler nicht gerecht werden.

Die Tage werden kürzer und die Nachtvorstellungen länger. Ausstellungen eröffnen sich. Alle Präsidenten der Welt ziehen die Fräcke aus dem Schrank, und andere lösen die ihrigen vom Pfandleiher zurück. Tarife aller Art nehmen Prozente zu, und manche Menschen verlieren an Gewicht.

Indessen schwillt der Bildungsdrang der Unproduktiven und der Geistkonsumenten. Sie füllen die öffentlichen Säle, und während sie den Atem anhalten, verrät ein Papierknistern ihren körperlichen Hunger. Es gibt sehr viele öffentliche Säle, und sie heißen entweder nach großen Meistern der Musik oder auch nach ihren Erbauern oder anders.

Auf den Podien dieser Säle stehen die Kunst- und Geistproduzenten und überlegen, wieviel ihnen von den Einnahmen der Konzertagenturen verbleibt. Dann stürzen sie sich tollkühn in die eigene Produktion und schwimmen rastlos, bis zur Pause, in Poesie und Gesang.

Junge Mädchen rezitieren gerne Christian Morgenstern. Im Sommer noch spielten sie Tennis, und wer sie sah, konnte nicht ahnen, wie furchtbar ihnen die Saison werden sollte.