Von Martin Durm

Jeden Abend bei Sonnenuntergang pilgert Monsignore Manuel Teixeira ins Hotel "Belavista". Der greise Jesuit in der knöchellangen Soutane schlurft über den abgetretenen Parkettboden der Eingangshalle und spendet den verblüfften Gästen in der Bar einen flüchtigen Segen. Es zieht ihn nach draußen, auf die Hotelterrasse, wo zwei verschlafene Kellner auf Kundschaft warten. "Erst mal ein Bierchen", sagt der Padre und setzt sich an einen der vorderen Tische:

Was hat er für einen Blick: Ein paar Dschunken ankern in der Bucht von Macao, jenseits des Perlflusses liegt das chinesische Festland. Grüne Hügel flirren im Zwielicht der Dämmerung. Ein lauer Wind weht durch die alte Säulenkolonnade. Unter der türkisgrünen Stuckdecke drehen sich schwere Ventilatoren. Wenn die Bauarbeiter auf dem Nachbargrundstück endlich ihre Preßlufthämmer abstellen würden, könnte man sogar das Zirpen der Grillen hören.

Aber die Aufbruchstimmung Macaos läßt sich nicht ignorieren. Als gelte es, einen Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen, werden in Portugals letzter Überseeprovinz Banken und Luxushotels, Geschäftshäuser und Bürogebäude aus dem Boden gestampft. Macao boomt; bevor die Kolonie am 20. Dezember 1999 an die Volksrepublik China zurückgegeben wird, sollen noch einmal vollendet kapitalistische Tatsachen geschaffen werden. Baulöwen aus Hongkong, Japan und Europa reißen sich um sechzehn Quadratkilometer dichtbesiedelter Erde, und es kümmert sie wenig, daß dabei auch noch die letzten Reste der Kultur draufgehen könnten.

Vor zweihundert Jahren war Macao ein zentraler Umschlagplatz für Silber und Seide, Perlen und Porzellan. Als Zwischenhändler der chinesischen Kaiser verkauften Portugals Kolonialherren Waren aus dem Reich der Mitte an Europa und Japan. Macaos goldene Zeiten endeten 1841 mit der Gründung Hongkongs. Die britische Kronkolonie expandierte innerhalb weniger Jahre zum fernöstlichen Handelszentrum; Macao versank mit seinen Gärten, Tempeln und Palästen in einen melancholischen Dämmerzustand.

Wachgerüttelt wurde die portugiesische Kolonie erst, als der Countdown für die Übergabe an China zu laufen begann. Kurz vor dem Tag X will man Macao noch einmal auf Vordermann bringen. Weit über hundert Kolonialhäuser sind in den vergangenen zehn Jahren niedergebaggert worden. Die Abrißkommandos machten keinen Unterschied: Sie zerstörten pastellfarbene Villen mit chinesischen Ornamenten und verlassene Palazzos mit wuchtigen Mauern. An ihrer Stelle stehen jetzt funktionale Gebäudekomplexe.

"Zum Glück können sie das Meer nicht zubauen", sagt Padre Teixeira und freut sich über die Kellner, die ihm aus christlicher Nächstenliebe ein zweites Bierchen spendieren. Sie kennen den Alten mit dem weißen, wallenden Prophetenbart, und sie wissen, daß er für diese Stadt weitaus mehr getan hat als mancher Gouverneur. Seit 1924 erforscht Manuel Teixeira die Geschichte und Architektur portugiesischer Paläste, christlicher Studienseminare, chinesischer Tempelanlagen. Besessen von jesuitischer Schreibwut hat er in den vergangenen 56 Jahren 123 Bücher verfaßt, und alle haben nur ein Thema: Macao. Heute ist er der Spiritus rector einer kleinen, aber widerspenstigen Oppositionsgruppe, die sich den Bauspekulanten trotzig entgegenstemmt. "Mit mehr oder weniger großem Erfolg", sagt Monsignore bescheiden. Aber immerhin ist es ihm in den letzten Monaten gelungen, etwa neunzig Gebäude als schutzwürdig zu klassifizieren.