ZDF, Montag, 8. Oktober, 22.10: "Warte, warte noch ein Weilchen...", Fritz Haarmann und Theodor Lessing – zwei deutsche Schicksale. Ein Film von Gisela Marx

Als bärtigen Prozeßberichterstatter, wie er sich gelegentlich Notizen macht, sehen wir jemanden in einem historischen Gerichtssaal sitzen. Er stellt den hannoverschen Hochschullehrer und Kulturphilosophen Theodor Lessing dar, der den Rübe-ab-Rufen und der allzu raschen Bereinigung des Mordfalles Haarmann seine Analysen der gesellschaftlichen und psychologischen Hintergründe entgegensetzt. Wir hören Auszüge aus Theodor Lessings Zeitungsaufsätzen zum Fall des Gurgelbeißers Haarmann, Gedanken über "Wollust und Zärtlichkeit, Zerreißen und Verschlingen". Lessings Einfühlung in die Dunkelheit der Seele, die sich da endlich aussprechen kann, und seine Kritik an der Polizei, die den nützlichen Spitzel Haarmann lange gedeckt hatte, tragen ihm schließlich den Verweis aus dem Gerichtssaal ein. Wir sehen jemanden in Robe diesen Verweis aussprechen. Von einem Haarmann-Darsteller bekommen wir Auszüge aus den Prozeßakten zu hören. Die Schauspieler mimen ihre Parts wie auf einer Durchlaufprobe, ohne vollen Einsatz, denn wichtig an diesen Szenen aus dem Gerichtssaal ist allein die Textdokumentation.

"Dokumentar-Spiel" könnte man das nennen, wenn es nicht längst so genannt würde. Es ist ein merkwürdiger Kompromiß, den Dokumentarfilmer immer dann eingehen, wenn es ihnen an authentischem Bildmaterial gebricht. Der Rundfunk hat’s da leichter, da wird die Wahrnehmung des Textes nicht durch Bilder gestört, die mit ihm eigentlich nichts zu tun haben und die auch dann noch stören, wenn sie, wie hier, zurückhaltend verwendet werden.

Die Paradoxie des Mediums zeigt sich gerade bei guten Dokumentarfilmen wie diesem. Texte kann man nicht zeigen, es sei denn als beschriebenes Papier, wie in der Fernseh-Presseschau. Was also soll man zeigen? Die Sprecher vor den Mikrophonen? Historische Portraits von Haarmann und Lessing? Alles ist Notbehelf bei dem Versuch, möglichst nichts zu zeigen, was den Text stört. Und das ist die Paradoxie des Mediums, daß es sich selbst im Wege ist, wenn es die Hierarchie der Sinneswahrnehmungen umkehren soll.

Der Film von Gisela Marx macht diese Paradoxie gerade dadurch bewußt, daß er ihr so glänzend gerecht wird: Die Akteure im Gerichtssaal agieren tatsächlich am Rande des Verschwindens ihrer Aktion, es sind eigentlich Ersatzdokumente, die sie uns zeigt, Photos, die es leider nicht gibt. Wir hören dabei, daß Theodor Lessing etwas über den Gesichtspunkt des Mitleidens und Mitverschuldens als den für einen Gerichtsreporter einzig möglichen schrieb, aber das Sichtbare drängt sich vor: Warum tut dieser Bärtige dort im halbdunklen Saal so, als wäre er gar nicht da? Es ist die Sehgewohnheit, daß Schauspieler sonst anderes tun, die uns auch hier genau hinschauen heißt: Warum ist der so in sich gekehrt? Warum spricht dieser Haarmann so "als ob", warum tut dieser Staatsanwalt nur so, als würfe er den Kritiker hinaus? Und wenn Lessing den Gerichtssaal schließlich verläßt, ist das so gut unterspielt, daß man fasziniert dem beiläufigen Abgang folgt und vom Text wieder einmal nichts mitbekommt.

Martin Ahrends