Von Hans Schueler

ZEIT: Herr Admiral, Sie sind in der beneidenswerten Lage eines Feldherrn, zu dem der Feind überläuft, ohne daß ein Schuß auf ihn hätte abgegeben werden müssen. Die Nationale Volksarmee der DDR hat kapituliert und bewirbt sich um Aufnahme ihrer Restbestände in die Bundeswehr.

Wellershoff: Ich würde das nicht so ausdrücken. Es ist das repressive kommunistische System, das aufgegeben hat. Die Nationale Volksarmee hat vor einem knappen Jahr erkennen müssen, daß sie ihre Funktion als Parteiarmee nicht mehr aufrechterhalten konnte. Sie hat sich doch in erheblichen Teilen auf einen Reformkurs begeben. Und weil das so ist, sind wir nicht berechtigt, mit Siegergefühlen durch die Gegend zu ziehen.

ZEIT: 50 000 dieser Volksarmisten, bis hin zum Stabsoffizier, sollen demnächst in die Bundeswehr übernommen werden. Die Umschulung hat schon begonnen. Wie sieht sie aus?

Wellershoff: Wir müssen uns alle daran gewöhnen, daß es keine Volksarmisten mehr gibt, daß es keine zwei deutschen Staaten mehr gibt, sondern daß wir alle Deutsche sind und gleiche Rechte haben. Deshalb gebührt auch dem, der in der Nationalen Volksarmee dient oder gedient hat, zunächst einmal eine faire Chance. Die Übernahme in die Bundeswehr ist eine Frage des Bedarfs an Soldaten der verschiedenen Dienstgradgruppen. Es ist aber natürlich wie bei uns auch eine Frage von persönlicher Eignung und Leistung. In Lehrgängen bei der Bundeswehr sollten sich im wesentlichen junge Vorgesetzte der Nationalen Volksarmee, die wir in Zukunft mindestens für eine Übergangszeit brauchen, darauf vorbereiten, daß sie die unserem Wehrdienst zugrundeliegende Rechtsordnung und das ihm zugrundeliegende Führungsprinzip anwenden können.

ZEIT: Die Soldaten der NVA wurden zum Haß auf den bundesdeutschen Klassenfeind erzogen. Nun soll der NVA-Soldat zum bundesdeutschen Staatsbürger in Uniform werden. Ist das überhaupt möglich, zumal bei Älteren?

Wellershoff: Ich habe seit Anfang des Jahres vielfältige Kontakte mit Angehörigen der Nationalen Volksarmee gehabt, auf allen Ebenen. Es gab völlig Unbelehrbare. Die sind aber wahrscheinlich nach dem 3. Oktober nicht mehr da. Es gab einige erkennbar Angepaßte, aber eben auch sehr viele, die von der Bewegung im Volk mitgetragen wurden. Man muß ja die ganze Gesellschaft fragen, nicht nur die Soldaten. Das gilt für Lehrer, Richter, Beamte, für Polizisten und Busschaffner. Vielleicht muß sich die ältere Generation auch hier bei uns einmal fragen, wie das denn vor fünfzig Jahren in Deutschland war. Bevor jemand endgültig Bundeswehrsoldat wird, wird er natürlich eine gewisse Probezeit durchlaufen.