Ich treffe den Erfinder jenes "Monsters", das er uns auch als "unseren Helden" oder "unseren Stadthocker wider Natur und ländliche Gefilde", "unseren Kopisten und Kompilator, den anonymen Korrespondenten und stümpernden Autor wissenschaftlicher Phantasien" vorstellt welcher genau, wird er nicht preisgeben (dafür um so heftiger und deftiger solche gänzlich unwissenschaftlicher Art) , des als "Misanthropen", "skurrilen Knaben", "Einzelgänger, geboren im Zeichen des Steinbocks" Apostrophierten und von dem Pariser Stadtviertel, das er bewohnt, zum "Niemand Gemachten, der seinerseits zur Filmkamera wird, die kalt, mit neutraler Neugier" das Chaos und die Katastrophen registriert, die ihn umgeben, in genau jenem Cafe auf dem Boulevard in der Nähe der Metrostation Bonne Nouvelle, direkt gegenüber dem Rex, seinem Lieblingskino, und den früheren Redaktionsstuben der kommunistischen Tageszeitung LHumanite, das ich, wie der Erfinder am Telephon voraussetzte, aus dem Buch, um das es geht, (wie schon aus anderen von ihm) kennen dürfte.

Das Cafe ist das "Madeleine Bastille". Da der Erfinder aber nicht, wie vereinbart, "ganz pünktlich" um sieben an einem Eckplatz der Cafeterrasse sitzt, setze ich mich an den einzigen freien Tisch, um für ihn mit zu reservieren; er ist ein Eckplatz. Als Erkennungszeichen ist mir angekündigt worden: die deutsche Ausgabe des Buches, in dem das Ungeheuer sein Unwesen treibt, vor seinem Urheber auf dem Tisch. Ich lege nun meinerseits die französische Ausgabe des Buches vor mich auf den Tisch.

Der Mann mit nicht nur einem Buch, sondern einem Stoß von Zeitungen und Zeitschriften und wie darin versteckt einem Buch unter dem Arm, der sich suchend umschaut, sieht aus wie sein Protagonist, "unser Monster". Unscheinbar, schmal, ja zart, erfüllt er voll die Basisinstruktiosolltest du dich grau und konventionell kleiden, ohne Eleganz, aber auch ohne Schlamperei Er steuert zielstrebig auf mich zu. Er setzt sich, bestellt. Lichteinfall schräg. Teetrinker.

Wir sprechen über alles mögliche. Worüber man spricht, wenn man sich noch nicht kennt respektive dem Konspirativen der Angelegenheit durch zutreffende Tatsachenbehauptungen den Anstrich des Unverfänglichen geben möchte. Er wohne schon seit über dreißig Jahren hier, hier um die Ecke, Rue Poissonniere; die Schriften dort an der Wand, Belsazar, seien erst im Laufe der letzten "Jahrfünfte" zur Kunstform geworden; Aragon feierte drüben auf dem Trottoir doch tatsächlich, öffentlich rezitierend, die ihm verblichene Elsa, mon amour (sprich: Triolet, als französische National Romanciere nicht weniger berühmt als der Gatte) - und augenblicklich sitze ich nicht mehr neben Juan Goytisolo, dem Schriftsteller, Exil Intellektuellen, Anti Franquisten und Ex Kommunisten, auf dem Boulevard im "Madeleine Bastille", sondern inmitten des Buches auf dem Boulevard im "Madeleine Bastille", im Rücken das Viertel Le Sentier und jenen "untypischen Ehemann" - er hat viele Namen außer einen eigenen , der gerade im Dachgeschoß eines alten Wohnhauses in der Rue Poissonniere die Wohnungstür hinter sich zuzieht, einen Zettel unter die gegenüber liegende Wohnungstür schiebt und sich auf den Weg zu einem Marabout, einem der zahlreichen schwarzafrikanischen Medizinmänner und Zauberer in der Nachbarschaft macht, um sich beraten zu lassen.

Nur der Nichteingeweihte wird über den Namen des Wundermannes hinweglesen können, ohne zu stocken: Er heißt Lsa Monnamou (so wie dann auch ein ganzes Kapitel des Buches). Schlichte Markenzeichen Verballhornung oder hellhörig verschmitztes Vergnügen dessen, der mit weniger Pathos auskommen muß, und das heißt ja auch immer: will, beim Dichten? Sowohl als. Wie immer. Denn mit der Zertrümmerung derart marginaler Innigkeitsmythen hält Goytisolo sich in seinem letzten auf deutsch erschienenen Buch "Landschaften nach der Schlacht" nicht auf. Das - Impressionen, Expressives, Bruchstücke, essayistischer Diskurs und Zitate, Schimpf, Scheu und Begehrlichkeitsbeben bis auf die Knochen des Autors - soll ein Roman sein? Wenn der Autor es so nennt, dann ist es einer. Ist etwa die Welt eine Handlung und Fabel? Die, um die es hier geht, jedenfalls nicht. Wie aber erzähl ich das Buch? Ganz einfach.

"Unser Mann", oben, Blick auf Hinterhof und die abwechselnd gallig- und marzipangrüne Kuppel der Opera, von ferne leuchten im Dunst die Hochhäuser von La Defense, die unter der Tür der Nachbarwohnung hindurchgeschobenen Zettel gelten der Ehefrau, zu der jeder weitere Kontakt seit unbestimmter Zeit eingestellt ist, er feilt sich die Nägel, drückt sich Mitesser aus, hat, seit ihm von seinem Arzt anläßlich einer Nierenfunktionspriifung aufgetragen worden ist, die Farbgebung seines Urins zu prüfen, die Angewohnheit, in das zwei Schritte neben dem Toilettenbecken befindliche Wasserbecken zu pinkeln, dieser leicht abweichend Unauffällige führt zum Zeitpunkt des Geschehens, die Jahre Anfang der Achtziger, ein Dasein, das sich auf regelmäßige "Rentner" Gänge in seinem Viertel beschränkt.

"Außerhalb des Hauses ein ganz wohlerzogener Gentleman", durchkämmt er die engen Gassen und Passagen um die Place du Caire, blickt in die Fenster der zahllosen Textil, Pelz- und Konfektionswarengroßhändler, lauscht dem Sprachengewirr der Näher, Träger, Gehilfen, Pächter, Eigentümer, Chefs, den Spaniolen, Ostjuden, Spaniern, Portugiesen, Armeniern, Chinesen, entschlüsselt die nur dem Kennerohr und äuge zugänglichen Hierarchien von den Türken, Arabern, Negern, die in den Gräben der aufgerissenen Bürgersteige stehen, hinab zu den Afghanen, Pakistanis und Bangladeschis, die oben auf Halbstundenaufträge lauern, und gesellt sich zu den "ehrbaren vaterländischen Calvadostrinkern", Franzosen, die, in dumpfe Karl Martell Nostalgien tauchend, Pläne schmieden zum abermaligen, nun aber endgültigen Zurückschlagen der aus den Tiefen des Südens und nun auch noch aus allen anderen Himmelsrichtungen - eindringenden Metöken, Fremdrassigen, Heloten.