Von Volker Hage

"Ist indes dem Beobachter nicht ganz erfreulich, wie sich die befreiten Deutschen schon wieder literarisch gegeneinander benehmen; so muß man denken, daß dies nun einmal die Art der Nation ist, sobald sie von fremdem Drucke sich befreit fühlt, unter sich zu zerfallen." Goethe (Brief an Sara v. Grotthus, 1814)

Nun ist also auch sie wieder vereint, die deutsche Literatur. Jedenfalls sind die Autoren von "drüben" jetzt mitten unter uns: Schriftsteller deutscher Sprache, keinem Staate untenan – wie ihre Kollegen aus Österreich, der Schweiz und der bisherigen Bundesrepublik. Vorbei die Frage, wie viele deutsche Literaturen es denn wohl gibt, zwei oder nur eine (oder überhaupt keine, wie Jurek Becker einmal gewitzelt hat). Kein Streit mehr darüber, ob die Literatur aus der DDR einen Bonus genießt. Wird man nun sagen, mit dem Staat sei auch die Literatur verschwunden, die dort entstanden ist?

"In meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen", schrieb Thomas Mann nach dem Krieg in einem Brief. Ein Geruch von "Blut und Schande" hafte ihnen an – "sie sollten alle eingestampft werden". Niemand wird das über die in der DDR zwischen 1949 und 1989 geschriebenen literarischen Bücher sagen wollen.

"Das Volk der DDR hat weder Synagogen angezündet, noch den totalen Krieg gewollt, noch Walter Ulbricht als Geschenk der Vorsehung verehrt", hat der aus der DDR vertriebene Literaturwissenschaftler Hans Mayer unlängst resümiert. Die Schriftsteller der DDR haben mit ihren Büchern kein System unterstützt, das zu Krieg, Rassenhaß und Völkermord aufgerufen hat. Davon zu sprechen, daß deutsche Schriftsteller zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert versagt hätten und moralisch schuldig geworden seien, ist daher zumindest mißverständlich. Daß die Schriftsteller – wie viele andere – vor mancher Untat in der DDR die Augen verschlossen haben, ist freilich nicht zu leugnen.

Der Streit um Christa Wolfs kleine Erzählung "Was bleibt", der viel zu schrill war, außerdem, wie ich glaube, am falschen Objekt ausgetragen wurde, dieser sehr deutsche Streit hat – vor allem bei Schriftstellern aus der ehemaligen DDR – einen falschen Eindruck hinterlassen: Niemand hier im Westen wollte und will die DDR-Literatur in Bausch und Bogen verdammen. Schon gar nicht geht es darum, Autoren einzuschüchtern oder vom Markt zu drängen.

Gab es jemals einen DDR-Bonus bei der westlichen Kritik? Im vergangenen Monat sprach Peter Rühmkorf in der ZEIT von den "seltsamsten Wettbewerbsverzerrungen und Gesinnungsbelobigungen" und klagte generell: "Wem es gelang, einen Koffer mit literarischer Konterbande durch die Mauer zu schmuggeln oder wer in der DDR nur eben mit ein paar verkrumpelten Dissidentenphrasen angeeckt war, wurde gefeiert, belobigt, prämiert, als ob es die ganz große Grenzüberschreitung zu beklatschen gäbe, es waren manchmal nur Grenzfälle, wobei eine ganze Anzahl von nennen wir sie ein letztes Mal BRD-Schriftstellern rettungslos in den Sichtschatten gerieten."