Was tue, wer Dichter werden will? Er gründe einen Poetenzirkel, gebe eine Anthologie heraus und hoffe auf einen geneigten Literaturwissenschaftler, der das Werk für so bahnbrechend hält, daß er darüber gleich ein Hochschulseminar veranstaltet.

So geschehen im schönen Regensburg vor nunmehr zehn Jahren. Die Poetenzirkel hießen Eckigensburger Lesebuch" und das Seminar an der Universität dortselbst "Regionalismus und Avantgarde". Da durften die Dichter ex cathedra vom Herbsttau und von Traumtoden schwärmen oder von der Philosuffie: "Nichts ist so tief wie roter Wein "

Aber selbst universitäre Weihen verwandeln Gestammel nicht in Gedichte und ebnen schon gar nicht den Weg aus den Niederungen der Provinz in den Literatenhimmel. Nur einer kam hoch: Harald Grill (mit dem Rezensenten weder verwandt noch verschwägert). Seine Liebeserklärung an "Rengschburg" stach - obgleich nur Mittelmaß - aus der Sammlung spätpubertärer Peinlichkeiten heraus. Unterdessen hat es der 39jährige in seinem Metier zur Meisterschaft gebracht. Das Büchlein "Findling unterm Herz", eine Nachlese aus den achtziger Jahren, weist ihn als einen der raren Mundartdichter aus, die uns nicht mit weißblauen Weinerlichkeiten oder bierselig krachlederner Brauchtumspflege traktieren. Denn er hält es, wenn es um die arg strapazierte Chiffre "Heimat" geht, mit Kurt Tucholsky; "Wir pfeifen auf die Fahnen - aber wir lieben dieses Land Das feit gegen jenen verlogenen Folklorismus, mit der die Mächtigen im Bayernland gerne ihre Fortschrittsobsessionen kaschieren. Franz Josef selig beherrschte dieses Instrument geradezu virtuos, wenn er zum Beispiel den Grundstein für einen Großflughafen legte und dazu ein paar Trachtenanzüge schuhplatteln und jodeln ließ.

Gegen dieses Gemenge aus Gigantomanie und Volkstümelei hat Grill nimmermüde angeschrieben und sich als Heimatdichter im besten Sinne entpuppt; als einer, den Agrarschlacht und Asphaltierwut, Industrieglück und Idyllensucht, kurzum die Verschandelung, der Ausverkauf von Natur und Kultur zum Widerspruch zwingen. Grill sei einer, "der um Fassung ringt und deswegen schreiben muß", notiert sein Dichterkollege Rainer Kunze.

Der Dichter als Archäologe: Grill sucht nach Verschüttetem unter der bereinigten Flur, unter verseuchten Grasnarben und Schneedecken, unter "Überlandleitungen und Autobahnreiß Verschluß". "des wos i kenndes wos i suachdes muaß irgendwo drunter liegn Er sucht nach Findlingen unterm Herzen, nach jenen ausgesetzten Geschöpfen, deren Abkunft keiner kennt "Findling" meint aber auch solitäre Felsbrocken, Residua eiszeitlicher Gletscherfracht. Sie werden in den vorliegenden Gedichten zur Metapher eines petrifizierten Dennochs.

Zum Beispiel Wackersdorf, jene Anlage, die unweit von Grills Wohnort Wald Atommüll wiederaufarbeiten sollte, durch den Einsatz von CSU und CS Gas. Pfingsten 1986, Höhepunkt der Auseinandersetzung um den WAAhnsinn, staut sich die Wut im Bauch des Dichters:

Zornig bückt er sich und hebt einen Stein, einen Findling, auf, um ihn gegen Goliath zu schleudern.