Von Marianne Wellershoff und Johann Grolle

Rotze will im vierten Stock ein Greenpeace-Büro einrichten. Dort, wo jetzt noch das Regenwasser durch die morschen Dachbalken pladdert. Das Dach will er mit Sonnenkollektoren decken. "Dann können wir uns ganz alleine versorgen."

"Ey, das ist doch Spinnerei. Den Dachstuhl müssen wir abreißen und ein flaches Dach drauf machen." Zombi ist Realist. Er kennt das nächtliche Tropfen des Wassers in die Eimer neben seiner Matratze. Und er beobachtet, wie die gelben Wasserflecken an der Decke immer größer werden.

Trotzdem ist Rotze beleidigt. "Erst muß man von Phantasie leben, wenn man nichts zu essen hat", sagt er und schiebt sich die letzten Fritten in den Mund, die Zora aus dem Fett geangelt hat.

Nach dem Abendessen macht Zombi eine Führung durch das besetzte Haus. Der Strahl seiner Taschenlampe fällt auf vereinzelte Matratzen in den leeren Räumen. Im vierten Stock hat der Wind die Plane zerrissen, die die Löcher in der Wand abdecken sollte.

Nicht nur im besetzten Haus im Bischofsweg, in der ganzen Altstadt von Dresden, die "Äußere Neustadt" heißt, müßte die Sanierung sofort beginnen. Denn von 7934 Wohnungen stehen 1150 leer, 537 sind bewohnt, obwohl sie eigentlich von der Bauaufsicht oder der Hygieneinspektion gesperrt sind. Tatsächlich hat der Rat der Stadt Dresden am 15. März die Äußere Neustadt zum Sanierungsgebiet bestimmt. Ein Beschluß kostet nichts, für alles Weitere fehlt das Geld.

Trotzdem steht schon das erste Baugerüst. Drei Millionen Mark hat nämlich der Hamburger Senat seiner Partnerstadt überwiesen, damit in einem Notprogramm wenigstens einige Dächer geflickt werden können. "Was braucht ihr am dringendsten?" fragten die Hamburger und erhielten die Antwort: "Baugerüste". Als kurz danach ein Gerüst geliefert wurde, waren die Dresdner allerdings ziemlich überrascht und wußten nicht, wohin damit. Schließlich erklärte sich die Mietergenossenschaft in der Pulsnitzer Straße bereit, das Gerüst vor ihrem Haus aufzustellen.