Die Hausbesetzer im Bischofsweg 26 haben mit der Instandsetzung nur im Treppenhaus begonnen. Ein großes Eisengitter haben sie eingebaut, das sich vor die Treppe schieben läßt. Und die einbetonierten Gitterstäbe darüber haben sie mit Stacheldraht umwickelt. „Da kommt keiner von den Glatzen mehr durch“, versichert Zombi.

„Das letzte Mal haben sie uns besucht, das war in der Nacht nach der Fußballweltmeisterschaft“, erzählt er. „Die Faschos sind ja selten allein. Die sind mit fünfzig Glatzen hier ins Haus, haben in der Küche alles zertrümmert und so. Und vor der Tür standen zwei Toniwagen von den Bullen. Die haben nur zugeguckt, und als die einer von uns in den Wanst getreten und ihren Kopf an die Wand geschlagen haben, da haben die gesagt: ‚Na, seid ihr bald fertig?‘“

Die Skin-Uberfälle gehören zum Alltag in der Neustadt. Kaum ein Wochenende vergeht, ohne daß sie vorm „Café 100“, der „Bronxx“ oder dem Haus im Bischofsweg auftauchen. Einige von ihnen kennt Zombi noch aus dem „Pepp“. „Das war ein Jugendclub von der Kirche. Da waren immer auch ein paar schräge Leute drunter. Na ja, und bei dem, was jetzt so in der letzten Zeit abgegangen ist, haben sich auch verschiedene Einstellungen gebildet.“

Im ganzen Viertel faulen die Balken, bröckelt das Gemäuer und regnet es durch. Gleich nach der Öffnung der Mauer kamen die Kamerateams hierher, um Aufnahmen zu machen von den wuchernden Büschen in den Dachrinnen, den gähnenden Fensterhöhlen, den Ruinen in den Hinterhöfen. Die Kosten für die Sanierung der gesamten Äußeren Neustadt können zur Zeit nur geschätzt werden, aber die Zahlen sind gigantisch: „Pro Wohnung kostet die Rekonstruktion mindestens 100 000 Mark“, sagt Dresdens Baudezernent Reinhard Keller. Es wurde bereits der Vorschlag gemacht, die Altbauten zu verkaufen oder zu verschenken. Die kommunale „Gebäudewirtschaft“ verwaltet zwei Drittel der Häuser in der Äußeren Neustadt, nur ein Drittel gehört ihr jedoch rechtmäßig – und keiner weiß, welches Drittel. Auf jeden Fall aber soll der Charakter des Viertels als Wohngebiet mit kleinen Gewerbebetrieben und Geschäften erhalten bleiben, als das es vor allem in den Jahren 1887 bis 1904 entstand.

Tatsächlich, gerade hier in den versteckten Hinterhöfen der Neustadt ist noch Leben, wenn ganz Dresden schon lange ausgestorben ist.

Die Bronx nannten die Neustädter ihr Viertel. Viele flohen aus den feuchten, baufälligen Häusern in die Hochhäuser in Prohlis und Gorbitz. Wer blieb, schloß sich mit trotzigem Stolz zusammen. „Bronxx“ nannte Sören Naumann seinen „Coffee-Shop“. Als er ihn im Dezember eröffnete, war es das erste alternative Café in der Neustadt. Inzwischen sind auch „Tivoli“, „Planwirtschaft“, „Café 100“, „Stillos“ und „Raskolnikov“ gefolgt. Hier gucken nicht nur Zombi, Rotze und Zora fast täglich herein, auch die Touristen aus Hamburg, Schwerin und San Francisco treibt es abends von den barocken Prachtterrassen an der Elbe in die Biergärten der Neustadt.

Ein blauer Bürgersteig empfängt den Besucher der „Bronxx“, bunte Fratzen lachen ihn im Treppenhaus an, mit den Füßen tritt er auf einen Reigen nackter Katzenweiber, und im Hof klettern pink-knallige Tiere die kahlen Wände empor. Früher hat Sören Naumann hier auf seiner Tabla indische Percussion geübt, in kleinen Privaträumen in der Förstereistraße Ausstellungen organisiert. Jetzt hat er sein eigenes Café, jetzt stellt er hier Kunst aus und macht mit seinen Freunden Musik. Die „Bronxx“ ist Treffpunkt der Kulturszene.