Von Iris Radisch

Warum so viele? Warum nicht nur das eine, das einzige, das richtige? Das Buch fürs Leben. Ein Buch, in dem alles steht. Einfürallemalalles. Und nie wieder ein anderes.

Das Buch gibt es. Doch leider kann man es nicht lesen, nicht verlegen und nicht kaufen. Man kann es weder im "Quartett" besprechen noch seinen Autor mit offenem Hemd und Mannesblick im Urwald portraitieren. Kein Kritiker kann nette Rezensionen schreiben und zur Belohnung vom Verleger auf den Kritikerempfang gebeten werden. Es winken keine Filmrechte, keine Auslandslizenzen, keine Preise.

Was für ein Buch! Ein Buch ohne schwitzende Helden, ohne traurige Liebesgeschichten und scheue Kindheitsbekenntnisse. Ein federleichtes, ein unmögliches Buch. Ein Traumbuch, ohne Anfang, ohne Ende, ganz in sich selbst verschrieben. Und doch ein finales Werk: endgültig, vollständig, einzigartig. Wer kann so was schreiben?

Zwei haben es versucht: Der französische Autor Marcel Benabou und der deutsche Verleger Michael Krüger. Der Erzähler in Marcel Benabous erstem Roman "Warum ich keines meiner Bücher geschrieben habe" weiß genau, wie so ein Buch beginnen müßte. Der erste Satz kurz und ein Treffer. Dann ein langer Satz im Konjunktiv und in diesem Glanze immer weiter. Das Schwarz der Lettern müßte sich mit Bedacht und Zurückhaltung über das Weiß der Seiten legen, das durch derartige Rücksichten erst richtig zur Geltung käme. Festigkeit des Satzbaus, Präzision des Ausdrucks, vollständige Übereinstimmung zwischen dem äußeren Lauf der Worte und ihrem inneren Sein. Ein Zauber aus Schweigen und Worten, schwebend und wie von weit her.

Aber was dann? Nur keine hautnahe Geschichte, keine handfesten Konflikte, keine zu Herze gehenden Figuren. Das kann doch jeder. Das könnte auch Marcel Benabou. Er macht dem Leser Vorschläge. Das Buch könnte von dem letzten melancholischen Sproß einer alten, vornehmen Familie handeln oder von einem Buchliebhaber, dem das Leben plötzlich wie ein Traum erscheint, oder von einem Schriftsteller oder von einem verschrobenen Selbstquäler. Wie beredt man diese Geschichten erzählen könnte. Ganze Wortschwärme könnte der Autor auf seine Leser jagen. Erlesene Worte aus der Zoologie, der Heraldik und der Segelschiffahrt könnte er zusammensuchen und seine Leser durch ein paar graue Elendstage trösten. Reich und berühmt könnte er werden. Allein, die Liebe hält ihn zurück. Die unbedingte Wahrheitsliebe.

Das Buch darf nicht nach Schreibtisch riechen. Es muß ein schlichtes, ein wahres Buch sein, in dem die Dinge so offen zu Papier treten wie noch nie. Am besten, denkt der Dichter, sollte man nur von einfachen Dingen reden. Dem Schatten auf einem Bergsee, zwei jungen Menschen in einem Nachen, dem roten Schimmer einer Laterne auf einer Holzbrücke. Doch selbst die einfachsten Bilder werden auf dem Papier sofort zu Metaphern und Symbolen. Wohin man schreibt, entsteht Bedeutung. Wundersam wuchern die Worte, vergiften die edle Einfalt.