Das Gartentor öffnet ein junger Mann. Mit abgewandtem Gesicht stößt er die beiden deutschen Worte hervor: "Guten Tag " Dann verstummt er. Seine Mutter, die ihm langsam gefolgt ist, stellt ihn vor. Es ist Akira, der Sohn des Schriftstellers Oe. Er wurde 1963 mit einer Gehirnhernie geboren und lebt jetzt mit seinen Eltern in einer der schönsten Wohngegenden im noblen West End Tokyos. Das "schwarze Schaf" der japanischen Literatur erwartet uns im Wohnzimmer seines erdbebensicheren, einstöckigen Wohnhauses. Kenzaburo Oe hat sich selber so bezeichnet, in Brüssel, im vergangenen Jahr, als er den Literaturpreis des Europalia Festivals erhielt. Und er hat allen Anlaß dazu, denn mit seinen inzwischen weit mehr als zwanzig Romanen und Erzählungen hat er sich einen in Japan ungewöhnlichen Platz gesichert: zwischen allen Stühlen. Oe betrachtet ihn als einen Ehrenplatz. Als zum Beispiel 1961 seine Erzählungen "Seventeen" und "Seiji shonen shisu" (Tod eines politischen Jungen) erschienen, erntete er prompt beides, Drohungen von Rechtsradikalen und heftige Kritik von den Linken.

Oe eröffnet unverzüglich das Gespräch; rasch, ohne Umschweife erläutert er die Situation seines behinderten Sohns, der im Zimmer bleibt, mit unruhigen Bewegungen hin und her geht und uns zuzuhören scheint. Sein Sohn sei ihm unentbehrlich geworden. Er sehe die Welt neu durch ihn, er sehe vieles jetzt wie ein "Simplizissimus". Ja, Grimmeishausens Roman schätze er sehr - auch Thomas Manns "Felix Krull" und die Ironie des Goetheschen "Faust". Oes eigenen Roman "Eine persönliche Erfahrung", der die Geburt des geistig behinderten Sohnes zum Thema hat, empfand man 1964 in Japan allerdings als befremdend und schockierend. Das mit dem wichtigen Shiucho Literaturpreis ausgezeichnete Werk (1972 erschien es in deutscher Übersetzung) dokumentiert freilich sinnfällig genug die abgrundtiefe Kluft, die Oe vom herkömmlichen ästhetisch affirmativen Erzählstil seiner Zeitgenossen trennt "Mein Stil machte mich zu einem schwarzen Schaf unter den heiligen Großmeistern wie Tanizaki, Kawabata und Mishima. Diese Monumente haben sich nach meinem Geschmack der Tokioter Vorstellung von Schönheit und Machthierarchie zu sehr angepaßt " Oes Sprache ist nicht so sehr der Metropole verpflichtet als seinem Geburtsort, dem kleinen Dorf Öse auf Shikoku, der südjapanischen Insel, wo er 1935 geboren wurde: als drittes von sieben Kindern einer alteingesessenen Grundbesitzerfamilie. Oe ergänzt: "Ich habe später versucht, diese Sprache auf dem Umweg über Europa reicher werden zu lassen "

Oe liebt die Umwege. Sie erscheinen ihm - rückblickend - als der kürzeste Weg zur Selbstfindung. Sie sind zugleich nichts anderes als der schmale Weg, auf dem Japans Literatur sich selber gegenüber kritische Distanz fand und der ihr den Anschluß an die Weltliteratur ermöglichte. Während der Kaffee kalt wird, skizziert Oe die ersten Schritte seines europäischen Umwegs: Studium der französischen Literatur in Tokio bis 1959. Abschluß mit einer Examensarbeit über Sartre. Erste literarische Versuche noch während des Studiums. Sie finden früh Anerkennung und verschaffen ihm schon 1958 das literarische "Adelsdiplom": den Akutagawa Preis für die berühmt gewordene (1964 auch in deutscher Übersetzung erschienene) Erzählung "Der Fang".

Oe hat darin die Verstörung und Desorientierung der eigenen Kindheit im Augenblick des Kriegsendes mit bestürzender Poesie und Präzision geschildert. Im Zentrum der Erzählung steht der Absturz eines amerikanischen Flugzeugs in der Nähe eines von Wald umgebenen, entlegenen Dorfes auf Shikoku im Sommer des Jahres 1945. Der einzige Überlebende ist ein schwarzer Flieger. Er verkörpert den jähen Einbruch des Fremden in die vertraute Kinderwelt. Angekettet im Keller eines Speicherhauses, wird er zum Objekt der Phantasie und Neugierde der Dorfkinder, die mit ihm einen sprachlosen Dialog beginnen. Sie führen ihn schließlich ins Freie und baden mit ihm im Dorfbrunnen. Ein "Idyll", das Oe radikal durchkreuzt durch den gewaltsamen Tod des Schwarzen und den fatalen Unfall des Dorfschreibers. Aus der Perspektive des Kindes bleibt am Ende: "Nichts als das leere Gehäuse des Sommers " Ein Satz, der bei Oe zugleich einsteht für die eigene Leere, für die Entfremdung und den Verlust von Freiheit und Würde vor dem historischen Hintergrund der Kapitulation Japans nach dem Zweiten Weltkrieg und der anschließenden Phase der Amerikanisierung des Landes. Den Schmerz, die verwirrende Enttäuschung des Zehnjährigen erinnert Oe genau, damals im Augenblick der Kapitulation, als er den Kaiser, den man für einen Gott gehalten hatte, im Rundfunk mit einer menschlichen Stimme reden hörte.

Der frühen Empfindung der Entwurzelung, des Ausgestoßenseins, ist Oe insistierend und mit einer Konsequenz nachgegangen, die seine japanischen Leser immer wieder irritiert und seine Kritiker erbittert hat. Das galt und gilt vor allem für seinen (bislang noch nicht in deutscher Übersetzung) ersten Roman und die Erzählung "Und plötzlich stumm", beide 1958 erschienen.

Oe hat es hierbei nicht belassen. Mit unjapanischer Schärfe und Offenheit hat er 1965 in dem (bei uns noch nicht zur Kenntnis genommenen) Essayband "Genshukuna tsunawatari" (Feierlicher Seiltanz) den Opportunismus der japanischen Intellektuellen kritisiert und die ältere Generation als unfähig erklärt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Oes Widersachern gilt er seitdem als "Außenseiter", als linksintellektueller Bürgerschreck und Traditionsverweigerer, während seine Freunde ihn feiern als den "Sprecher der jungen Generation", als das soziale Gewissen Japans, als die nunmehr seit vierzig Jahren ungebrochene virulente Herausforderung einer Nation, die sich nur zögernd bequemt, in seinem CEuvre sich selber wiederzuerkennen. Oe weiß, daß seine moralisch rigoros vorgetragenen Themen besonders schrill und dissonant klingen in den traditionell so harmonieund konsensgeneigten Ohren seiner Landsleute. Es sind vor allem die ungemütlichen, die gerne verdrängten Themen der Diskriminierung, der "unbewältigten" Vergangenheit, der Amerikahörigkeit. Es ist die Schizophrenie des alten und des modernen Japans, die ihn bewegt und die er dingfest macht an Namen wie Hiroshima und Okitiawa. Den Blick für diese Themen hat Oe gründlich geschärft auf seinen geistigen und biographischen "Umwegen": 1960 in China, wo ihn Mao Tse tung empfing, dann auf Reisen in die USA, nach Europa (wo er wiederholt Sartre begegnete), als literarischer "Anwalt", der sich für den in Seoul inhaftierten Lyriker Kim Chi Ha einsetzte. Und im eigenen Land: als vehementer Kritiker des japanisch amerikanischen Sicherheitsvertrages, als aktiver Mitarbeiter der Anti Atombomben Bewe?ung, als gesellschaftspolitisch engagierter Mitherausgeber einer Zeitschrift.