In der Union findet Helmut Kohl sich blind zurecht Die Partei bedeutet ihm aber nicht mehr alles. Die zweite Folge über den Kanzler: Der Vorsitzende.

Von Nina Grunenberg

Bis vor einem Jahr war die Partei sein Leben. Durch sie und in ihr und mit ihr ist der sechzigjährige Helmut Kohl schon fast alles gewesen, was Politik zum Beruf macht: siebzehn Jahre lang Abgeordneter im Landtag von Rheinland-Pfalz (1959-1976); sieben Jahre Stadtverordneter in seiner Heimatstadt Ludwigshafen (1960-1966); zwölf Jahre CDU-Fraktionsvorsitzender (von 1963 bis 1969 im Landtag, von 1976 bis 1982 im Bundestag). Sieben Jahre lang amtierte er als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (1969-1976); seit 1982 ist er Bundeskanzler.

"Wer ihn hat, der hat ihn lange", sagte seine Frau Hannelore einmal über das Beharrungsvermögen ihres Mannes. Dem Bundesvorstand der Union gehört er seit 26 Jahren an. Seit 18 Jahren ist er Vorsitzender der CDU. Die Wahlkampf-Kommission der Partei, die er 1969 übernahm, leitet er ohne Unterbrechung bis heute und hat nicht vor, sie abzugeben. Der eben zu Ende gegangene Parteitag in Hamburg war die 38. Heerschau der Union, die er mitgemacht hat. Seine 43 Jahre "Truppenerfahrung" – er trat als siebzehnjähriger Gymnasiast in die Union ein – haben ihn in den politischen Macht- und Grabenkämpfen zum Meister aller Klassen gemacht, zum "starken Stück der Union". Doch das blieben alles Rekorde, die außerhalb der Partei wenig zu seinem Appeal als Politiker beitrugen, im Gegenteil.

Als Persönlichkeit erhielt Helmut Kohl stets schlechte Noten in den Meinungsumfragen, schlechtere als seine Partei. Selbst Unionswähler stuften die CDU höher ein als ihren Vorsitzenden. Typisch für seine negativen "Werte" war, daß er in den Zeiten zwischen den Wahlen nicht einmal als Kanzler alle Unionswähler hinter sich scharen konnte. Der Kanzler-Bonus – das Wohlwollen der Wähler, das dem Regierungschef unabhängig von aller Vorliebe für eine bestimmte Partei entgegenschlägt – ist Kohl nie zuteil geworden. Der Vorgänger Helmut Schmidt gewann in seiner Amtszeit auch die Anerkennung von Anhängern der Oppositionsparteien und erhöhte so die Legitimität seiner Entscheidungen. Helmut Kohl hingegen blieb in den Augen der Öffentlichkeit letztlich auch als Kanzler der Parteipolitiker, dessen Karriere das Machtstreben der Parteizentralen von CDU und CSU bezeugt.

Bei den christdemokratischen Kanzlern, die ihm vorausgingen, wäre kaum jemand auf solche Gedanken gekommen. Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Kurt-Georg Kiesinger erhoben noch kraft ihrer Persönlichkeit Anspruch auf die Kanzlerwürde. Den Parteivorsitz ließen sie sich später nachreichen "wie einst die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation die Reichsinsignien" (Joachim Sobotta, Chefredakteur der Rheinischen Post und intimer CDU-Kenner).

Helmut Kohl gehörte zu einer anderen, jüngeren Generation. Seine Stunde kam, als die CDU/CSU im Jahre 1969 – obwohl sie nach ihrem Selbstverständnis die "geborene" Regierungspartei war – die Macht an die sozialliberale Koalition verlor. Vier Jahre später, nach einem vergeblichen ersten Anlauf, erkämpfte sich Kohl den Vorsitz der mit ihrem Schicksal hadernden CDU. Seinem Ruf als Reformer wurde er weniger durch innerparteiliche Strategiedebatten gerecht als durch den Umbau des Kanzlerwahlvereins von ehedem zu einer modernen, schlagkräftigen Volkspartei. Ganz ähnlich wie für seinen Freund François Mitterrand, der den französischen Sozialisten um die gleiche Zeit eine Reformkur verordnete, um seine Machtchancen zu verbessern, war "seine" Partei auch für Kohl immer auch ein Instrument des persönlichen Fortkommens.