Auch für die Märkte der Informationstechnik gilt: Schon heute hat Europa in den drei Kernbereichen Halbleiter, Computer, Telekommunikation wachsende Handelsbilanzdefizite sowohl gegenüber Japan wie gegenüber Amerika. Gegenüber Japan bestehen hohe Defizite auch in den beiden übrigen Bereichen: Unterhaltungselektronik und Werkzeugmaschinen.

Wie auf dem Automobilmarkt, kommt jedoch auch in den anderen strategischen Bereichen der Hauptangriff von innen. Die Japaner bauen in rapidem Tempo Hochtechnologie Produktionsstätten innerhalb der EG auf und transferieren, wie das Beispiel Nissan Großbritannien bereits zeigt, ihre überlegene Fertigungstechnik und Arbeitsorganisation ohne wesentlichen Effizienzverlust nach Europa. Ebenso steigern auch die amerikanischen Unternehmen ihre Direktinvestitionen in Europa nach langer Pause aufs neue, und auch hier deuten Beispiele darauf hin, daß die amerikanischen Fabriken in Europa den europäischen in der Produktivität überlegen sind. Gegen Wettbewerb von außen kann man den Markt abschotten, gegen Wettbewerb von innen gibt es keine Barrieren. Ohne daß die EG Kommission noch durch Zölle, Quoten oder Anti Dumping Maßnahmen Schutz gewähren könnte, stehen die europäischen Hochtechnologie Unternehmen heute auf eigenem Boden in direktem Wettbewerb mit japanischen und amerikanischen Transplants. Was heilsamen Wettbewerb bringen könnte, schlägt dort, wo die europäischen Firmen nicht ebenbürtig sind, in einen Verdrängungswettbewerb um.

Über weite Strecken hin drohen in den neunziger Jahren die europäischen HochtechnologieMärkte von Tochterfirmen globaler amerikanischer und japanischer Unternehmen übernommen zu werden Eine kritische Lage für die europäischen Unternehmen ist bereits auf dem Markt für Integrierte Schaltkreise erreicht. Der Markt ist durch eine Zollmauer von vierzehn Prozent geschützt. Darüber hinaus hat die EG Kommission nach amerikanischem Muster ein Abkommen mit den japanischen Herstellern ausgehandelt, in dem diese sich bei ihren Exporten von Speicherchips in den EGRaum zur Einhaltung von Mindestpreisen verpflichten. Doch trotz allen Schutzes ging der Marktanteil der europäischen Halbleiterunternehmen 1989 weiter um 1 8 Prozent auf 36 7 Prozent zurück; die Japaner steigerten ihren Anteil um 2 3 Punkte auf 19 7 Prozent, die Amerikaner gaben 0 9 Punkte auf 41 3 Prozent ab. Auf ihrem eigenen Heimmarkt haben die europäischen Hersteller also einen Anteil von wenig mehr als einem Drittel, zur Weltproduktion an Integrierten Schaltkreisen tragen sie ganze 7 4 Prozent bei.

In dieser Situation errichten nun Amerikaner und Japaner in großem Umfang integrierte ChipFabriken im EG Raum. Zollschutz und Mindestpreisregelung fallen damit weg.

Die großen amerikanischen Chip Hersteller produzieren bereits in Europa in einem Netzwerk von Fabriken. Texas Instruments fügt nun seinen Fabriken in Deutschland, Frankreich und Großbritannien eine neue, hochmoderne Produktionsanlage in Süditalien hinzu, die innerhalb eines Zwei Milliarden DM Investitionsprojekts entsteht - fast die Hälfte dieser Summe steuert der italienische Staat bei. Intel errichtet in der Nähe von Dublin einen 1 4 Milliarden DM Fabrikkomplex, in dem es Mikroprozessoren und die auf ihnen aufbauenden Personal Computer herstellen wird; auf die Chip Fabrik entfallen gut 500 Millionen DM. Auch hier steuert der irische Staat vierzig Prozent der gesamten Investitionssumme bei. Von den japanischen Halbleiterherstellern hat bisher nur NEC eine integrierte Chip Fabrik in Schottland. Seit 1989 etablieren sich nun jedoch auch die anderen führenden japanischen Hersteller mit großen Investitionsprojekten.

Wie sieht unterdessen die Lage bei den europäischen Halbleiterherstellern aus? Von den drei großen Herstellern machten 1989 Philips und Siemens hohe Verluste, SGS Thomson erzielte einen winzigen Gewinn von 3 2 Millionen Dollar (nach einem Vorjahresverlust von 69 Millionen Dollar). Und dies sind die Ergebnisse in einem Jahr, das zum größeren Teil ein Boomjahr für Halbleiter war. In der zweiten Hälfte 1989 ging der Boom zu Ende, und in den letzten Monaten begannen die Preise steil zu fallen. Der Ein Megabyte Dynamikspeicher kostet derzeit, Mitte 1990, weniger als die Hälfte wie vor einem Jahr. Noch stärker ist der Preisverfall bei EPROM, einem anderen Speicherchip Typ. SGS Thomson, bei dem EPROMs fünfzehn Prozent des Umsatzes ausmachen, forderte im Juni 1990 die EG Kommission auf, eine Anti Dumping Untersuchung einzuleiten. Dies alles läßt nichts Gutes für die Gewinne der europäischen Halbleiterhersteller im Geschäftsjahr 1990 erwarten. Philips und Siemens meldeten denn auch schon, daß in den ersten Monaten 1990 selbst das Betriebsergebnis - also von der Verzinsung der Investitionen ganz abgesehen - negativ war.

Doch wie lange noch werden die Europäer die Verluste und gleichzeitig die Milliardenaufwendungen für Entwicklung und Produktion der neuen Chip Generationen tragen können? Philips, der nach Siemens bedeutendste europäische Elektronikkonzern, ist bereits in einer dramatischen Krise. Die Verluste des Computer- und des ChipBereichs drücken das Gesamtergebnis in die roten Zahlen. Der Vorstandsvorsitzende van der Klugt wurde, ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des konservativen Unternehmens, von seinem Posten abgelöst. Der neue Vorsitzende, Jan Timmer, kündigte für 1990 einen Verlust von zwei Milliarden Gulden an, verursacht durch die Restrukturierung der Halbleiter - und Computerbereiche. Timmer will beide Bereiche wesentlich zurückschneiden. Börsenanalytiker sind der Ansicht, Philips könne sich weder die Computerproduktion noch die Chip Produktion länger leisten. Die Lage bei Philips läßt bereits ahnen, daß es auch um Europas Computerindustrie nicht zum besten bestellt ist.