Japonismus, so erläutert die Brockhaus Enzyklopädie von 1990, ist "das stark ausgeprägte Interesse an japanischer Kultur und deren Einflußnahme auf Kunst und Kunstgewerbe in Europa in der zweiten Hälfte des 19 und zu Beginn des 20. Jahrhunderts". Die neue Encyclopedia Britannica von 1989 bezeichnet ihn gar als einen "ästhetischen Kult", womit sie das Faktum noch deutlicher herausstreicht, daß es sich dabei um eine charakteristische Ausprägung jener europäischen Zivilisationsmüdigkeits- und Fluchtbewegungen handelt, die sich auch unter dem Etikett des Orientalismus subsumieren ließen. Und obgleich man den Begriff in erster Linie auf die bildende Kunst bezieht und damit Impressionismus, Jugendstil und ähnliches assoziiert, ließe sich Japonismus durchaus breiter fassen, denn die "Einflußnahme" japanischer Kultur erstreckt sich auch auf europäische Dichtung, etwa die Jugendstillyrik" eines Arno Holz oder den Imagismus Ezra Pounds wie auch auf Theater und Film.

Das europäische Interesse am fernen Japan, auch wenn es sich seit der Pariser Weltausstellung von 1855 an der unmittelbaren Anschauung japanischer Kunstwerke nähren konnte, war dennoch auf Interpreten und Vermittler angewiesen. Diese Aufgabe übernahmen die Japanreisenden des ausgehenden 19. Jahrhunderts, denen sich wenig später auch einige Japaner hinzugesellten, die Europa und Nordamerika bereisten und in Vortragen und Buchpublikationen jenes exotisch geprägte Japanbild mitformten, das unterschwellig noch heute unsere Sicht auf das Land bestimmt.

Nun mag es durchaus seltsam anmuten, wenn, offenbar anläßlich des Japanschwerpunkts der Frankfurter Buchmesse, fast ein Jahrhundert später einige dieser frühen Werke wiederaufgelegt werden, die man als Quellentexte des Japonismus bezeichnen könnte. Was bewirken diese Texte, wenn wir ihnen nun wieder begegnen?

Eine Schlüsselfigur in diesem Zusammenhang ist zweifellos der 1850 in Griechenland geborene und von 1890 an in Japan lebende Lafcadio Hearn, der 1891 durch Heirat in eine japanische Familie adoptiert wurde und 1904 in seiner Wahlheimat starb. Das nun wiederaufgelegte Bändchen "In einem japanischen Garten" entstammt dem zweiten Teil seines ersten Japanbuchs "Lotos Blicke in das unbekannte Japan", das 1893 in Boston erschien. Es handelt sich um eine schwelgerische Verklärung seiner japanischen Alltagsumgebung in der Provinzstadt Matsue am Japanischen Meer. Man merkt diesem sich in Europa und Amerika heimatlos fühlenden Europäer das begeisterte Gefühl des Angekommenseins an, wenn er die sinnliche Gegenwärtigkeit kleinster Details liebevoll ausmalt, seien es die verschiedensten Insekten oder die Stimmen der Tauben, die er in japanisch lautmalerischer Manier imitiert: "Keine europäische Taube hat diesen Ruf", so wie übrigens auch kein Abendländer die Schönheit eines japanischen Gartens intuitiv erfassen kann, denn nur Japanern sei das Gefühl dafür angeboren. Daß Hearn mit seinen sentimentalen Beschwörungen eines unendlich harmonischen, lieblichen, kunstsinnigen Japan "Träume des sechzehnten Jahrhunderts" beschwor und somit literarische Konservierungsarbeit (an seinen Sehnsüchten, nicht an der Wirklichkeit!) betrieb, ging allerdings oft genug in Europa unter.

Ein weiterer wichtiger Vermittler für die Europäer war Basil Hall Chamberlain, der von 1873 bis 1911 in Japan wirkte und dessen "ABC der japanischen Kultur" 1890 erschienen war. Der deutsche Titel ist leider mißglückt, nicht nur wegen des kuriosen Eurozentrismus der Alphabets Metapher, sondern weil er darüber hinaus eine Systematik suggeriert, die den Charakter und Anspruch des Buches völlig verkennt.

Das Werk besteht aus einer höchst subjektiven, ausschließlich am Interesse des Autors und nicht etwa an der allgemeinen Bedeutung des Gegenstands orientierten Auswahl von kurzen Essays über "Japanisches", geordnet nach Stichwörtern wie "Adel" und "Ehe", "Höflichkeit" und "Hühner (langgeschweifte)", "Frauen" (Die Lage der)" und "Formosa" (!), "Sängerinnen und "Verträge mit fremden Mächten". Die Artikel, die zuweilen in ausgedehnte Exkurse münden und in denen der Verfasser ausgiebig aus zeitgenössischen Studien und Reiseberichten anderer Ausländer zitiert, sind kurzweilig und amüsant, gerade aufgrund der dezidierten Subjektivität des Autors, der sich teils sachlich informativ, teils humorvoll, ironisch oder gar sarkastisch gibt. Darin liegt der Reiz und der Informationswert des Buches, das eine Art Kompendium des westlichen Japanwissens gegen Ende des 19. Jahrhunderts darstellt - wie es sich in vielerlei Form in Europa und Amerika ausbreitete. Berühmt, zumindest aber häufig zitiert, seine Ansicht, "daß die japanischen Frauen entzückend sind entweder infolge oder trotz ihrer nachteiligen Lage". Originell auch die Überlegung im Anschluß an eine Mrs. Chaplin Ayrton, die "Wohlerzogenheit der japanischen Kinder" sei auf das Nichtvorhandensein von Möbelstücken im japanischen Haus zurückzuführen: "Es gibt nichts, was sie zu demolieren wünschen könnten, nichts, was sie nicht anfassen sollen "

Nicht geringen Unterhaltungswert haben Chamberlains Auslassungen über japanische Modenarrheiten oder "Englisch, wie man es japanert", die von ihm verabscheute Musik ("wenn es erlaubt ist, dieses schöne Wort auf den Lärm und das Gequieke der Orientalen anzuwenden") oder die Literatur, der er jegliches Genie abspricht. Natürlich wissen wir heute, daß viele von Chamberlains apodiktisch vorgetragenen Behauptungen falsch sind. Doch es kann uns bei der Lektüre ja auch gar nicht darauf ankommen, Fakten über Japan in Erfahrung zu bringen - dafür gibt es mittlerweile genügend neuere zuverlässige Nachschlagewerke oder Spezialstudien. Wenn dieses Buch dagegen über seinen Unterhaltungswert für Japaninteressierte hinaus Erkenntnisgewinn bereiten kann, so nur, wenn wir uns fragen, weshalb der Autor bestimmte Gegenstände herausgreift und andere nicht oder warum er unkommentiert und anscheinend genüßlich auch japanhasserische, verachtungsvolle Aussagen zitiert wie: "Die Japaner denken niemals, und wenn sie denken, denken sie falsch Nicht verständlich ist dagegen, wenn im Jahre 1990 der Autor einer Einführung nichts Besseres zu tun weiß, als sich Chamberlains Ansichten zu eigen zu machen. Erwin Wickert interpretiert in seiner Einleitung nicht einmal, er nimmt Chamberlain nur wörtlich, anstatt die Leser auf die einzige sinnvolle Lektüre dieses Buches vorzubereiten: das aufmerksame Lesen zwischen den Zeilen.